Mindestlohn 2026: Was nach Miete, Strom und Essen wirklich übrig bleibt
13,90 € brutto klingen nach Fortschritt. Die ehrliche Monatsrechnung für eine Einzelperson zeigt, dass nach allen Fixkosten oft weniger als 150 € Spielraum bleibt, und warum der EU-Vergleich dieses Problem nicht wegrechnet.
WonderFunds Team9 Min. Lesezeit
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13,90 € brutto pro Stunde. Klingt nach einem ordentlichen Sprung, wenn man bedenkt, dass der Mindestlohn in Deutschland noch vor drei Jahren bei 12 € lag. Aber wer mal den Taschenrechner rausholt und ehrlich rechnet, merkt schnell: Zwischen dem, was auf dem Gehaltszettel steht, und dem, was am Monatsende übrig bleibt, liegt eine Lücke, die sich mit keiner Erhöhung so einfach schließen lässt.
Wir haben uns die Zahlen für 2026 genau angeschaut. Was verdient eine Einzelperson mit Mindestlohn wirklich netto? Wo fließt das Geld hin? Und wie sieht das im Vergleich zu Frankreich, Polen oder den Niederlanden aus?
Was vom Mindestlohn 2026 tatsächlich übrig bleibt
Seit dem 1. Januar 2026 liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 13,90 € pro Stunde, ein Plus von 8,42 % gegenüber den bisherigen 12,82 €. Auf den Monat hochgerechnet ergibt das rund 2.409 € brutto, wenn man die Jahresarbeitszeit gleichmäßig auf zwölf Monate verteilt. Das klingt erstmal nach etwas.
Nur: Brutto ist halt brutto. Steuern und Sozialabgaben fressen einen erheblichen Teil dieses Betrags. Für eine ledige Person in Steuerklasse 1, ohne Kinder, ohne Kirchensteuer, bleiben nach Lohnsteuer, Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung ungefähr 1.750 bis 1.820 € netto übrig. Die genaue Summe hängt vom Bundesland und der jeweiligen Krankenkasse ab, aber die Größenordnung ist klar.
Und jetzt kommt der Punkt, der wehtut: Wer als Einzelperson in Deutschland halbwegs komfortabel leben will (nicht luxuriös, einfach nur ohne ständige Existenzangst), braucht laut aktuellen Schätzungen mindestens 1.700 € im Monat. Der Puffer? Irgendwas zwischen 50 und 120 €. Für Sparen, Rücklagen, ungeplante Autoreparaturen, eine neue Waschmaschine. Realistisch betrachtet: kein Puffer.
Miete, die alles dominiert
Wohnen ist der größte Posten, und zwar mit Abstand. Rund 900 € im Monat gehen für Kaltmiete, Heizung und Nebenkosten drauf, wenn man als Einzelperson eine bescheidene Wohnung mietet. In Leipzig oder Chemnitz mag das reichen, um 50 Quadratmeter mit Balkon zu bekommen. In München, Frankfurt oder Hamburg bezahlt man dafür ein WG-Zimmer.
Was viele unterschätzen: Die Nebenkosten (Hausgeld, Heizung, Wasser, Müllabfuhr) machen 25 bis 35 % der gesamten Wohnkosten aus. Wer nur auf die Kaltmiete schaut und denkt "600 €, das geht ja", erlebt bei der Nebenkostenabrechnung eine unangenehme Überraschung.
Tipp
Wenn du deine Wohnkosten trackst, rechne immer warm. Kaltmiete plus Nebenkosten plus Strom plus Internet. Nur so siehst du, wie viel Prozent deines Nettoeinkommens wirklich fürs Wohnen draufgehen. Über 40 %? Dann wird es eng.
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Für eine realistische Planung in einer mittelgroßen Stadt wie Nürnberg, Hannover oder Dresden solltest du mit 700 bis 1.000 € Warmmiete rechnen. In den Metropolen eher 1.000 bis 1.400 €.
Essen: 200 € sind machbar, aber knapp
Deutsche Haushalte geben laut Destatis etwa 14 % ihres Einkommens für Lebensmittel, Getränke und Tabak aus. Für eine Einzelperson sind das typischerweise 200 bis 220 € im Monat. Wer regelmäßig bei Aldi oder Lidl einkauft, kann das schaffen. Wer eher bei Rewe oder Edeka in der Bio-Abteilung landet, kommt schnell auf 280 bis 320 €.
200 € im Monat klingen erstmal okay. Aber rechne das mal durch: Das sind 6,50 € pro Tag. Frühstück, Mittag, Abend. Kein Restaurantbesuch, kein Döner auf die Hand, kein Kaffee unterwegs. Das ist machbar, klar. Aber es erfordert Planung, und genau da wird Tracking interessant: Wer seine Lebensmittelausgaben wochenweise aufschreibt, merkt erstaunlich schnell, wo das Geld versickert. Der spontane Einkauf beim Bäcker, die drei Energy Drinks an der Tankstelle, das "ach, nehm ich halt mit" an der Kasse.
Und dann die Posten, die man gerne vergisst: Handyvertrag (15 bis 30 €), Haftpflichtversicherung (5 bis 10 €), vielleicht eine Hausratversicherung. Kleinvieh, das sich summiert.
Mobilität: Das Deutschlandticket als Rettungsanker
Seit Januar 2026 kostet das Deutschlandticket 63 € im Monat. Für Mindestlohnempfänger in Städten mit gutem ÖPNV ist das ein echtes Geschenk. Verglichen mit einem eigenen Auto (Versicherung, Steuer, Sprit, Wartung, oft 300 bis 500 € monatlich) spart man enorm.
Aber: In ländlichen Regionen, wo der Bus zweimal am Tag fährt, hilft das Deutschlandticket wenig. Da bleibt das Auto alternativlos, und das frisst den Puffer komplett auf.
Ein Mindestlohnempfänger mit 1.780 € netto und einer Warmmiete von 850 € hat nach Abzug von Lebensmitteln (220 €), Energie/Nebenkosten (180 €), Deutschlandticket (63 €), Rundfunkbeitrag (18 €), Handy (20 €) und Versicherungen (15 €) noch 414 € übrig. Davon gehen aber noch Kleidung, Hygieneartikel, eventuelle Medikamente und irgendeine Form von Freizeit ab.
Die ehrliche Rechnung: Was wirklich übrig bleibt
Hier mal ein konkretes Beispiel. Lisa, 29, Einzelhandel, Vollzeit, Mindestlohn, lebt in Dortmund.
Einnahmen netto: ca. 1.780 €
Fixkosten pro Monat:
Warmmiete (45 qm, Nordstadt): 680 €
Strom: 55 €
Lebensmittel: 230 €
Deutschlandticket: 63 €
Rundfunkbeitrag: 18,36 €
Handyvertrag: 18 €
Haftpflicht + Hausrat: 12 €
Drogerie/Hygiene: 30 €
Summe Fixkosten: 1.106 €
Verbleibend: 674 €
Das klingt erstmal nach Luft. Aber von diesen 674 € müssen noch Kleidung, Friseur, mal ein Geschenk für eine Freundin, eine Packung Ibuprofen, Spotify, die GEZ-Nachzahlung und mindestens irgendeine Rücklage für ungeplante Ausgaben bezahlt werden. Ehrlich gesagt: Wenn Lisa am Monatsende 100 bis 150 € zur Seite legen kann, läuft es bei ihr besser als bei vielen.
Wenn man die Mindestlöhne in Kaufkraftstandards (PPS) umrechnet, also berücksichtigt, was man sich von dem Geld tatsächlich kaufen kann, schrumpfen die Abstände erheblich. Deutschland kommt auf etwa 2.157 PPS, was den höchsten Kaufkraftwert unter allen EU-Mindestlöhnen darstellt. Polens 1.139 € entsprechen kaufkraftbereinigt ungefähr 1.500 PPS. Das bedeutet: Mit dem polnischen Mindestlohn kannst du dir in Warschau ähnlich viele Lebensmittel leisten wie mit 1.500 € in Berlin.
Frankreich (1.823 € brutto) hat relativ hohe Lebenshaltungskosten, besonders in Paris und Lyon. Niederländische Mindestlohnempfänger stehen nominal gut da, kämpfen aber mit Wohnkosten, die in Amsterdam und Utrecht noch verrückter sind als in München.
Das Verhältnis von Mindestlohn zu Medianlohn liegt in Deutschland bei 50 bis 60 %. In Portugal erreicht es 69 %, in Estland nur 44 %. Ein höheres Verhältnis bedeutet, dass der Mindestlohn näher am "normalen" Einkommen liegt, also weniger Abstand zwischen Geringverdienern und der Mitte.
Was der europäische Vergleich wirklich zeigt
Der spannende Punkt ist: Nominell hohe Mindestlöhne sagen wenig aus, wenn die Wohnkosten proportional mitsteigen. Deutschland hat den kaufkraftstärksten Mindestlohn der EU, und trotzdem reicht er für viele kaum zum Leben. Das Problem ist nicht der Lohn allein; es ist die Mietpreisdynamik, die Energiekosten und die Tatsache, dass bestimmte Fixkosten (Versicherungen, Rundfunkbeitrag, ÖPNV) prozentual umso stärker ins Gewicht fallen, je weniger man verdient.
In Polen wiederum ist das Wohnen zwar günstiger, aber Elektronik, Kleidung und internationale Produkte kosten fast dasselbe wie in Deutschland. Die Kaufkraftparität glättet vieles, aber sie bildet nicht ab, wie unterschiedlich die Ausgabenstrukturen aussehen.
Wo die Statistik aufhört und der Alltag anfängt
Destatis sagt: Der durchschnittliche deutsche Haushalt gibt rund 2.700 € im Monat aus. Das ist ein Durchschnitt. Und Durchschnitte lügen nicht, aber sie verschleiern. Wenn ein Haushalt 5.000 € ausgibt und ein anderer 1.500 €, liegt der Durchschnitt bei 3.250 €, aber keiner der beiden erkennt sich darin wieder.
Für Mindestlohnempfänger ist der Durchschnitt irrelevant. Was zählt, ist die eigene Rechnung: Was kommt rein, was muss raus, was bleibt. Und genau da scheitern viele, nicht aus Faulheit oder Unvermögen, sondern weil sie keinen Überblick haben. Weil die 14,99 € für ein Streaming-Abo und die 9,99 € für eine App und die 6 € für den Coffee-to-go sich anfühlen wie Kleinkram, aber zusammen 80 oder 100 € im Monat sind.
Ausgaben zu tracken, also wirklich aufzuschreiben, was wohin geht, ist langweilig. Ehrlich gesagt, es ist eine der langweiligsten Tätigkeiten der persönlichen Finanzplanung. Aber es funktioniert. Nicht weil die Erkenntnis "du gibst zu viel für Kaffee aus" so revolutionär wäre, sondern weil das Aufschreiben selbst das Bewusstsein verändert.
Und ja, man kann das mit einer Excel-Tabelle machen. Oder mit einem Zettel am Kühlschrank. Es gibt keinen Zwang, dafür eine App zu benutzen. Aber wer es digital machen will, sollte sich fragen, wem man seine Finanzdaten anvertraut. Kontodaten mit einer App teilen, die sich per API direkt bei der Sparkasse oder ING einloggt? Muss jeder selbst entscheiden. Es gibt auch Wege, Ausgaben zu tracken, ohne irgendjemandem Zugriff auf das eigene Konto zu geben.
Kindergeld, Bürgergeld und andere Puzzle-Teile
Für Familien mit Kindern sieht die Rechnung nochmal komplett anders aus. Kindergeld (aktuell 250 € pro Kind und Monat) hilft, deckt aber die tatsächlichen Kosten für ein Kind (Kleidung, Essen, Kita-Gebühren, Schulmaterial) bei weitem nicht. Kita-Kosten variieren je nach Bundesland und Kommune zwischen 0 € (in Berlin für Kinder ab 1 Jahr) und 400 € oder mehr (in Teilen Bayerns oder Baden-Württembergs).
Für Bürgergeld-Empfänger gelten nochmal andere Regelsätze. Der aktuelle Regelsatz für eine alleinstehende Person liegt bei 563 € monatlich (plus Übernahme der angemessenen Wohnkosten). Das ist unterhalb dessen, was wir hier für Mindestlohnempfänger berechnet haben, und zeigt, wie eng die Abstände zwischen "arbeiten für Mindestlohn" und "Transferleistungen beziehen" mittlerweile sind.
Tipp
Steuererklärung machen. Auch (und gerade) mit Mindestlohn. Werbungskosten, Pendlerpauschale, Sonderausgaben. Viele Mindestlohnempfänger verschenken jedes Jahr 200 bis 500 €, weil sie keine Steuererklärung abgeben. Das dauert mit Elster einen Nachmittag und lohnt sich fast immer.
Die Lücke, die kein Mindestlohn schließt
Deutschland hat den kaufkraftstärksten Mindestlohn der EU, und trotzdem reicht er für viele gerade so. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Spiegelbild der Kostenstruktur: Wohnen, Energie und Fixkosten fressen einen Anteil, der prozentual umso brutaler wird, je weniger man verdient.
Die Erhöhung auf 13,90 € war ein richtiger Schritt. Aber die Rechnung zeigt, dass es bei Mindestlohn nicht um "wie viel pro Stunde" geht, sondern um "wie viel bleibt nach allen Abzügen und Fixkosten". Und diese Frage kann keine Statistik beantworten. Die kann nur jeder für sich selbst beantworten, mit einem ehrlichen Blick auf die eigenen Zahlen.