Sparweltmeister, Investitionsmuffel: Warum deutsches Geld auf Konten an Wert verliert
Deutschland hat die höchste Sparquote in der EU, aber fast die Hälfte des Finanzvermögens liegt auf Konten, die nach Steuern und Inflation kaum etwas einbringen. Aktuelle Daten von Eurostat und Bundesbank zeigen, wie groß die Lücke zwischen Sparen und echtem Vermögensaufbau wirklich ist.
WonderFunds Team8 Min. Lesezeit
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Deutsche Haushalte sparen im EU-Vergleich am meisten, und trotzdem schrumpft ihr reales Vermögen. 20 Prozent des verfügbaren Einkommens landen auf der hohen Kante, aber fast die Hälfte der finanziellen Vermögenswerte steckt in Bankeinlagen, die nach Inflation und Steuern kaum etwas abwerfen. Laut Eurostat erreichte Deutschland 2024 eine Sparquote von 20,0 Prozent, den höchsten Wert in der gesamten EU. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist simpel: Wo versickert das Geld, das eigentlich Vermögen aufbauen sollte?
Europameister im Sparen, Mittelmaß beim Investieren
Die Sparquote von 20 Prozent klingt erst mal beeindruckend. Tschechien kommt auf 19,9 Prozent, Malta auf 18,8 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt deutlich niedriger. Aber Sparen und Investieren sind zwei grundverschiedene Dinge.
Deutschlands Haushaltsinvestitionsrate lag 2024 bei 9,1 %, während Zypern 15,0 %, die Niederlande 12,3 % und Italien 11,6 % erreichten. (Quelle: Eurostat, 2024)
Klar, 9,1 Prozent sind nicht katastrophal. Deutschland hat den EU-Durchschnitt von 8,7 Prozent sogar knapp übertroffen. Aber gemessen an der Sparquote ist das ein gewaltiges Missverhältnis. Von den 20 Cent, die pro Euro verfügbarem Einkommen gespart werden, fließen weniger als die Hälfte in Investitionen. Der Rest? Liegt auf Konten. Wartet. Verliert an Kaufkraft.
Was „Haushaltsinvestition" überhaupt bedeutet
Hier wird es etwas technisch, aber das ist nötig, um den Haken zu verstehen. Die Eurostat-Definition der Haushaltsinvestitionsrate umfasst vor allem Kauf und Renovierung von Wohnimmobilien. Aktien, ETFs, Anleihen? Zählen nicht dazu. Auch dein neues Auto nicht (das zählt als Konsum).
Das heißt: Die offizielle Investitionsrate bildet gar nicht ab, ob Menschen ihr Geld in Wertpapiere stecken. Und genau da liegt das Problem. Denn die Deutschen tun es eben größtenteils nicht.
1,2 Billionen Euro auf Sparkonten, die kaum Zinsen bringen
Friedrich Merz hat die Zahl in die Debatte gebracht, und das ifo Institut hat sie aufgegriffen: Von rund 2,8 Billionen Euro an Finanzvermögen deutscher Haushalte liegen etwa 1,2 Billionen auf Sparkonten. Ähnlich niedrig verzinste Anlagen.
1.200.000.000.000 Euro. Auf Konten. Die bestenfalls 2 bis 3 Prozent bringen.
Was bekommst du aktuell für dein Erspartes? The Local hat die besten Angebote recherchiert: Die Consorsbank zahlt 2,8 Prozent für drei Monate, inklusive 40 Euro Neukundenbonus. Klingt okay, bis du die Steuer einrechnest.
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Die Steuerfalle bei Zinserträgen
Zinsen auf Sparkonten werden in Deutschland pauschal mit 25 Prozent Abgeltungssteuer belastet (plus Soli und eventuell Kirchensteuer). Das heißt: Von deinen 2,8 Prozent Bruttoverzinsung bleiben dir netto ungefähr 2,1 Prozent. Bei einer Inflation von 2 bis 2,5 Prozent ist das real ein Nullsummenspiel. Oder sogar ein Verlust.
Tipp
Jeder Sparer hat einen Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Jahr (2.000 Euro für Paare). Bis zu dieser Grenze zahlst du keine Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge. Einen Freistellungsauftrag bei deiner Bank einzurichten dauert fünf Minuten und spart dir bares Geld.
Was die Bundesbank über reale Renditen sagt
Die Deutsche Bundesbank hat analysiert, wie sich die realen Renditen auf verschiedene Anlageformen entwickelt haben. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bankeinlagen und Versicherungsansprüche haben über Jahre hinweg real an Wert verloren. Besonders seit Mitte 2016, als die Inflation begann, die ohnehin mageren Zinsen aufzufressen.
Wertpapiere (also Aktien, Fonds, Anleihen) haben historisch deutlich besser abgeschnitten. Aber ihr Anteil am Portfolio deutscher Haushalte lag seit 2009 bei unter einem Viertel. Weniger als 25 Prozent des Finanzvermögens in der Anlageklasse, die über lange Zeiträume die beste Rendite liefert.
Das ist keine Randnotiz. Das ist ein strukturelles Problem, das Millionen von Haushalten betrifft.
Warum die Deutschen trotzdem beim Sparbuch bleiben
Die Gründe sind kulturell, historisch und auch ein bisschen psychologisch. Deutschland hat zwei Währungsreformen erlebt, eine Hyperinflation, die Wiedervereinigung. Das Sparbuch, die Sparkasse, das Tagesgeldkonto: Sie fühlen sich sicher an. Und Sicherheit ist kein irrationales Bedürfnis.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Sicherheit und dem Gefühl von Sicherheit. 1.200 Milliarden Euro, die real an Kaufkraft verlieren, sind nicht sicher. Sie schrumpfen. Langsam, unmerklich, aber stetig.
Dazu kommt: Viele Menschen wissen gar nicht genau, wohin ihr Geld jeden Monat fließt. Die 80 Prozent des Einkommens, die nicht gespart werden, verteilen sich auf Miete, Lebensmittel, Versicherungen, Mobilität, Abos, Konsum. Wer keinen Überblick hat, kann auch nicht entscheiden, ob vielleicht 2 oder 3 Prozentpunkte mehr in eine Anlage mit besserer Rendite fließen könnten.
Wohin die anderen 80 Prozent verschwinden
Eurostat-Daten zeigen, dass Löhne und Gehälter 64,5 Prozent des bereinigten verfügbaren Bruttoeinkommens in der EU ausmachen. Der Rest kommt aus Transfers (Kindergeld, Bürgergeld), Selbstständigkeit und Kapitaleinkünften.
Von diesem Einkommen gehen typischerweise ab:
Wohnen: In München zahlst du für eine 70-Quadratmeter-Wohnung schnell 1.200 bis 1.500 Euro kalt. In Leipzig vielleicht 550 Euro. Wohnen ist der größte Einzelposten, und er variiert extrem.
Fixkosten: GEZ (18,36 Euro/Monat), Haftpflichtversicherung, Handy, Internet. Einzeln kleine Beträge, zusammen schnell 200 bis 300 Euro monatlich.
Lebensmittel und Alltag: Destatis gibt den durchschnittlichen Warenkorb für eine einzelne Person mit rund 400 bis 500 Euro pro Monat an. Familien liegen natürlich höher.
Mobilität: Ein Auto kostet im Vollkostenvergleich (Versicherung, Sprit, Wartung, Wertverlust) schnell 400 bis 600 Euro monatlich. Das ÖPNV-Deutschlandticket liegt bei 58 Euro.
Die Aufstellung zeigt: Es gibt durchaus Spielräume. Aber um sie zu finden, muss man seine Ausgaben kennen. Wirklich kennen, nicht nur ungefähr schätzen.
Das Einkommenswachstum hilft nur bedingt
Die Europäische Kommission prognostiziert, dass die energiegetriebene Inflation das reale Haushaltseinkommen weiter belastet und die Konsumstimmung drückt. Das Wachstum des verfügbaren Einkommens bis 2029 wird auf etwa 6,4 Prozent geschätzt, kumuliert, nicht pro Jahr.
Das reale verfügbare Einkommen deutscher Haushalte wächst bis 2029 um voraussichtlich nur 6,4 % insgesamt. Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2 % jährlich entspricht das einem realen Stillstand. (Quelle: Europäische Kommission)
6,4 Prozent über fünf Jahre. Das sind grob 1,2 Prozent pro Jahr. Wer darauf hofft, dass steigende Gehälter das Vermögensproblem lösen, wird enttäuscht. Die Lösung muss von der Ausgabenseite und von der Anlageseite kommen.
Die Lücke zwischen Sparen und Vermögen aufbauen
Sparen ist der erste Schritt. Aber es ist halt nur der erste Schritt. Wer 20 Prozent seines Einkommens zurücklegt und alles auf einem Tagesgeldkonto parkt, macht nach Inflation und Steuern im besten Fall plus/minus null.
Ein Beispiel: Du verdienst 3.500 Euro netto und sparst 700 Euro im Monat (20 Prozent). Nach 10 Jahren auf einem Tagesgeldkonto mit 2 Prozent Zinsen (netto nach Steuern: ca. 1,5 Prozent) hast du rund 91.000 Euro. In einem breit gestreuten Aktien-ETF mit historisch durchschnittlichen 7 Prozent Rendite (netto nach Steuern: ca. 5 Prozent) wären es rund 109.000 Euro. Das sind 18.000 Euro Unterschied. Bei 700 Euro monatlicher Sparrate. Über 20 Jahre wird die Differenz noch drastischer.
Und ehrlich gesagt: Dieser Teil ist trocken, aber er ist der Kern der ganzen Sache.
Was du konkret tun kannst
Der erste Schritt ist simpel, aber die meisten überspringen ihn: Schreib auf, wofür du Geld ausgibst. Nicht eine Woche lang, sondern mindestens einen Monat, besser drei. Nur wer seine Ausgaben wirklich kennt, kann Prioritäten setzen.
Tipp
Fang mit den drei größten Posten an: Miete, Lebensmittel, Mobilität. Diese drei machen bei den meisten Haushalten 50 bis 70 Prozent der Ausgaben aus. Wenn du hier Spielraum findest (etwa durch einen Wechsel zum Deutschlandticket), hast du oft sofort 200 bis 400 Euro mehr pro Monat für Investitionen.
Dabei ist es sinnvoll, die Kontrolle über deine Finanzdaten zu behalten. Du musst keiner App Zugang zu deinem Bankkonto geben, um einen Überblick zu bekommen. Manuelles Tracking ist aufwändiger, ja. Aber du entscheidest, welche Daten wo gespeichert werden. Und gerade bei Finanzdaten ist das ein Punkt, über den es sich lohnt nachzudenken.
Was sich ändern müsste
Das ifo Institut argumentiert, dass auch Sparkonten eine volkswirtschaftliche Funktion haben: Banken verwenden die Einlagen, um Investitionen zu finanzieren. Das stimmt. Aber aus Sicht des einzelnen Haushalts bleibt das Problem bestehen. Du leihst der Bank dein Geld zu 2 Prozent, und die Bank verleiht es weiter zu 5 oder 8 Prozent. Die Differenz ist ihr Geschäftsmodell, nicht deins.
Eine Umschichtung von auch nur 10 Prozent der 1,2 Billionen Euro auf Sparkonten (also 120 Milliarden Euro) in breit diversifizierte Anlagen würde die reale Vermögensbildung deutscher Haushalte spürbar verändern. Das ist keine utopische Forderung. Länder wie die Niederlande oder Schweden machen es seit Jahren vor.
Was es dafür braucht: Finanzbildung, die nicht von Banken kommt, die ihre eigenen Produkte verkaufen wollen. Transparenz über die eigenen Ausgaben. Und ja, ein gewisses Maß an Überwindung, weil der erste ETF-Kauf sich für viele anfühlt wie ein Sprung ins Kalte.
Und jetzt?
Du musst nicht morgen dein gesamtes Tagesgeld in Aktien umschichten. Aber fang an, deine Ausgaben zu verstehen. Die echten Ausgaben, nicht die gefühlten. Der Unterschied zwischen „Ich geb ungefähr 400 Euro für Lebensmittel aus" und „Ich habe im März 487,23 Euro für Lebensmittel ausgegeben, davon 63 Euro für Außer-Haus-Essen" ist der Unterschied zwischen Raten und Wissen.
Und auf Basis von Wissen lassen sich bessere Entscheidungen treffen. Über Konsum, über Sparen, über Investieren. Ohne dass du dafür deine Bankdaten mit irgendeiner Plattform teilen musst.