Die Erklärung der Mineralölwirtschaft klingt erst mal logisch: Wenn eine Tankstelle ihren Tank leert, muss der Konzern morgen neues Öl zum heutigen, höheren Weltmarktpreis einkaufen. Also muss der Preis an der Säule sofort steigen.
Das Problem an dieser Argumentation: Der Kraftstoff, der heute verkauft wird, wurde überwiegend zu niedrigeren Vorkriegspreisen eingekauft. Die Tankstellen stehen nicht leer. Die Lager der Raffinerien auch nicht. Was hier passiert, nennt man „Rocket and Feather Pricing": Preise schießen wie eine Rakete nach oben und schweben wie eine Feder nach unten. Bei Ölkrisen steigen die Preise an der Zapfsäule innerhalb von Stunden. Wenn der Rohölpreis sinkt, dauert die Anpassung Wochen.
Spritpreis-Aufschlag seit Kriegsbeginn: Deutschland +44 % (Diesel), Nachbarländer +22 bis +38 Ct/Liter. Rohölpreis (Brent): +16 %. Die Differenz lässt sich laut Ökonomen nicht allein durch Marktmechanismen erklären.
3,80 Euro mehr pro 100 Kilometer
Was heißt das konkret für dein Portemonnaie? Rechnen wir mal. Ein durchschnittlicher Diesel-PKW verbraucht rund 6,5 Liter auf 100 km. Bei einem Aufschlag von gut 58 Cent pro Liter (der Unterschied zwischen dem Vorkriegs-Dieselpreis und dem aktuellen Niveau) sind das knapp 3,80 Euro Mehrkosten pro 100 Kilometer.
Klingt nicht dramatisch? Für Pendler schon. Wer 40 km zur Arbeit fährt (einfache Strecke, Durchschnitt in vielen ländlichen Regionen), kommt auf 80 km am Tag, also rund 1.700 km im Monat. Das macht über 60 Euro Mehrkosten, monatlich, nur für den Arbeitsweg. Und das bei einem Medianeinkommen, das laut Destatis bei rund 3.600 Euro brutto liegt. Netto bleiben davon je nach Steuerklasse vielleicht 2.300 Euro.
60 Euro klingen immer noch verkraftbar? Addier mal die gestiegenen Lebensmittelpreise, die Heizkosten und den CO₂-Preiskorridor von 55 bis 65 Euro je Tonne für 2026, der direkt auf den Spritpreis aufschlägt. Da kommen schnell 150 bis 200 Euro im Monat zusammen, die einfach weg sind, ohne dass sich am Lebensstandard irgendetwas verbessert hat.
Tipp
Spritkosten im Blick behalten: Trag deine Tankquittungen konsequent ein und kategorisiere sie als „Mobilität" oder „Pendeln". So siehst du am Monatsende genau, wie sich dein Mobilitätsbudget verändert hat. Manche Kosten lassen sich über die Pendlerpauschale (0,30 € für die ersten 20 km, 0,38 € ab dem 21. km) in der Steuererklärung zurückholen.
Die „Einmal-täglich-Regel" nach österreichischem Vorbild
Die Kritik an der Regel ist nachvollziehbar: Skeptiker warnen, dass Tankstellen die Preise um 12 Uhr präventiv höher ansetzen könnten, weil sie ja wissen, dass sie danach nicht mehr erhöhen dürfen. Das wäre ein klassisches Eigentor. Andererseits: Wenn alle Tankstellen gleichzeitig erhöhen, wird der Preis transparent und vergleichbar. Und Transparenz ist etwas, womit die großen Mineralölkonzerne historisch wenig anfangen können.
Die ganze Debatte hat einen Elefanten im Raum, über den zu wenig gesprochen wird: Rund 20 Prozent des globalen Rohöls fließen durch die Straße von Hormus. Eine einzige Meerenge, kontrolliert von einem Staat im Krieg. Und Deutschland, das nach Jahren der Diversifizierungsdebatte, nach der Energiekrise 2022, nach LNG-Terminals und Windkraftausbau, immer noch massiv von genau diesen Ölflüssen abhängt.
Für dich als Verbraucher heißt das: Die Spritpreise werden nicht so schnell sinken, wie sie gestiegen sind. Selbst wenn morgen ein Waffenstillstand käme (unwahrscheinlich), würden die Zapfsäulenpreise Wochen brauchen, um sich anzupassen. So war es 2022, so wird es 2026 sein.
Das Muster ist bekannt: Fünf große Mineralölkonzerne kontrollieren den Großteil des deutschen Tankstellenmarktes. Die Markentankstellen (Aral/BP, Shell, TotalEnergies, Esso/ExxonMobil, Jet/Phillips 66) setzen die Preise. Freie Tankstellen folgen, weil sie dieselben Raffinerien als Lieferanten haben. Echter Preiswettbewerb? Eher theoretisch.
Super E10 und Diesel kosten in Deutschland aktuell über 2 Euro pro Liter. Der CO₂-Preiskorridor 2026 liegt bei 55 bis 65 Euro je Tonne. Für Pendler mit 40 km Arbeitsweg (einfach) bedeutet das rund 60 Euro Mehrkosten pro Monat, nur für Sprit.
Was du tun kannst (außer fluchen)
Ja, dieser Teil ist etwas trocken, aber er spart dir echtes Geld.
Tanken nach der Uhr. Auch ohne die neue Einmal-täglich-Regel zeigen Daten der Markttransparenzstelle, dass Sprit zwischen 18 und 20 Uhr am günstigsten ist. Der Unterschied zum Morgenpreis kann 10 bis 15 Cent pro Liter betragen. Bei einem 50-Liter-Tank sind das 5 bis 7,50 Euro, jedes Mal.
Spritpreis-Apps nutzen. Clever Tanken, ADAC Spritpreise, Tankerkönig. Alle greifen auf Daten der Markttransparenzstelle zu. 3 Minuten Preisvergleich vor dem Tanken sparen dir locker 3 bis 5 Euro pro Tankfüllung.
Fahrgemeinschaften für Pendler. Klingt altmodisch, rechnet sich aber brutal. Zwei Kollegen, die sich abwechseln, halbieren die Spritkosten. Bei 60 Euro Mehrkosten im Monat sind das 30 Euro zurück, ohne Verzicht.
Mobilitätskosten tracken. Ehrlich gesagt: Die meisten Leute haben keine Ahnung, was sie monatlich für Mobilität ausgeben. Nicht, weil sie dumm sind, sondern weil Tankquittungen, Versicherung, Steuer, Wartung und Parkgebühren auf verschiedene Konten und Zeitpunkte verteilt sind. Wenn du all das an einem Ort zusammenführst, bekommst du oft einen kleinen Schock. Aber einen nützlichen.
Tipp
Die Pendlerpauschale gilt auch bei gestiegenen Spritpreisen. Für 2026: 0,30 € pro km für die ersten 20 Entfernungskilometer, 0,38 € ab dem 21. km. Bei 40 km einfacher Strecke und 220 Arbeitstagen kannst du über 3.200 Euro in der Steuererklärung geltend machen. Das holt zwar nicht alles zurück, aber es hilft.
Die strukturellen Probleme bleiben. Fünf Konzerne, eine enge Meerenge, ein Land mit 48 Millionen zugelassenen PKW (die allermeisten mit Verbrennungsmotor) und einer Infrastruktur, die auf billiges Öl gebaut wurde. Kurzfristig kann Kartellrecht die schlimmsten Auswüchse begrenzen. Langfristig hilft nur, was alle schon wissen, aber niemand schnell genug umsetzt: weniger Abhängigkeit von einer einzigen Energiequelle.
Bis dahin bleibt dir eines: Genau hinschauen, was du ausgibst. Denn die 3,80 Euro Mehrkosten pro 100 Kilometer summieren sich schneller, als die meisten denken.