ETF-Entnahme 2026: Mit der 3x10-Tranchenstrategie bis zu 1.440 Euro Steuern pro Jahr sparen
Wer beim ETF-Verkauf einfach FIFO walten lässt, verschenkt bares Geld. Dieser Leitfaden zeigt, wie die 3x10-Tranchenstrategie, Sparerpauschbetrag-Staffelung und Sequence-of-Returns-Schutz in der Praxis zusammenspielen, welcher ETF wann verkauft wird und welche Broker dabei helfen.
WonderFunds Team8 Min. Lesezeit
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Wer 30 Jahre lang brav seinen MSCI World bespart hat und dann mit 63 die erste Tranche verkauft, zahlt auf einen Schlag Abgeltungssteuer auf Gewinne, die sich seit 2026 angehäuft haben. Bei einem Depotwert von 400.000 Euro und einem Gewinnanteil von 65 % reden wir über rund 260.000 Euro steuerpflichtige Erträge. Selbst nach Teilfreistellung bleiben davon 182.000 Euro übrig, auf die der Fiskus zugreift. Das sind, grob gerechnet, über 48.000 Euro Steuern. Und das nur, weil du in der falschen Reihenfolge verkauft hast.
Genau dieses Problem lässt sich mit ein bisschen Planung massiv entschärfen. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus Tranchenstrategie, geschickter Nutzung des Sparerpauschbetrags und dem Verständnis, warum die ersten Jahre deiner Entnahme die gefährlichsten sind.
Warum FIFO dein Feind ist (und wie du es austrickst)
Jeder Broker in Deutschland verkauft nach dem FIFO-Prinzip: First In, First Out. Die ältesten Anteile gehen zuerst raus. Das klingt harmlos, bedeutet aber, dass du immer die Anteile mit dem höchsten Gewinnanteil zuerst liquidierst. Bei einem ETF, den du seit 2026 besparst, haben die ersten Anteile bis 2056 den größten prozentualen Zuwachs erfahren. Verkaufst du die zuerst, ist der steuerpflichtige Gewinn pro Anteil maximal.
Die Finanztip 3x10-Strategie dreht diese Logik um. Du besparst nicht 30 Jahre lang denselben ETF, sondern wechselst alle zehn Jahre auf einen anderen. Von 2026 bis 2035 kaufst du zum Beispiel den iShares MSCI World (IE00B4L5Y983). Ab 2036 wechselst du auf den Xtrackers MSCI World (IE00BJ0KDQ92). Ab 2046 geht es in den SPDR MSCI World (IE00BFY0GT14). Alle drei bilden denselben Index ab, aber im Depot sind es drei separate Positionen.
Wenn du 2056 anfängst zu entnehmen, verkaufst du zuerst die SPDR-Position (2046 bis 2055 bespart). Diese Anteile haben den geringsten Gewinnanteil, weil sie am kürzesten im Markt waren. Deine ältesten, gewinnträchtigsten Anteile (iShares, 2026 bis 2035) bleiben unangetastet und wachsen weiter.
Was das in Euro bedeutet
Ein konkretes Beispiel: Du bist 35, sparst ab 2026 monatlich 500 Euro in ETFs und gehst mit 65 in den Ruhestand. Bei einer angenommenen Rendite von 7 % pro Jahr vor Kosten sieht das so aus:
Tranche
Besparzeitraum
Einzahlungen
Wert 2056 (ca.)
Gewinnanteil
Tranche 1 (iShares)
2026-2035
60.000 €
~210.000 €
~71 %
Tranche 2 (Xtrackers)
2036-2045
60.000 €
~115.000 €
~48 %
Tranche 3 (SPDR)
2046-2055
60.000 €
~87.000 €
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~31 %
Ohne Tranchenstrategie (alles in einem ETF) verkaufst du Anteile mit einem durchschnittlichen Gewinnanteil von rund 60 %. Mit Tranchenstrategie greifst du zuerst auf Tranche 3 zu, wo nur 31 % Gewinn drinstecken. Der Unterschied bei einer monatlichen Entnahme von 1.500 Euro: ungefähr 120 Euro weniger Steuern pro Monat. Das sind 1.440 Euro im Jahr, die bei dir bleiben statt beim Finanzamt.
Bei einer monatlichen Entnahme von 1.500 € aus einem ETF-Portfolio mit 412.000 € Gesamtwert spart die 3x10-Tranchenstrategie gegenüber dem FIFO-Standardverkauf rund 1.440 € Steuern pro Jahr, das entspricht einer Senkung der effektiven Steuerquote von ca. 15,8 % auf ca. 8,2 % in den ersten Entnahmejahren.
Die Zweitdepot-Variante für alle, die schon mitten drin sind
Was machst du, wenn du schon 15 Jahre denselben ETF besparst und erst jetzt von der Tranchenstrategie erfährst? Kein Drama. Du kannst in der Auszahlphase mit einem Zweitdepot arbeiten. Dazu überträgst du die jüngsten Anteile (die du in den letzten Jahren gekauft hast) per Depotübertrag zu einem zweiten Broker. Bei einem Übertrag innerhalb Deutschlands fällt keine Steuer an, solange kein Gläubigerwechsel stattfindet.
Der Trick: Die Anteile behalten ihr ursprüngliches Kaufdatum. Aber weil sie jetzt in einem separaten Depot liegen, kannst du gezielt diese jüngeren Anteile zuerst verkaufen, während die älteren, gewinnträchtigeren im Hauptdepot unangetastet bleiben. FIFO gilt pro Depot und pro ISIN.
Klar, das erfordert etwas Verwaltungsaufwand. Du musst dokumentieren, welche Anteile wann wo gekauft wurden. Eine einfache Tabelle reicht:
Spalte 1: ISIN und ETF-Name
Spalte 2: Depot (Hauptdepot bei ING, Zweitdepot bei Scalable)
Spalte 3: Kaufzeitraum und durchschnittlicher Einstandskurs
Spalte 4: Aktueller Wert und unrealisierter Gewinn
Spalte 5: Geplanter Entnahmezeitraum
Ehrlich gesagt ist das der langweiligste Teil der ganzen Strategie. Aber er spart dir über 20 Jahre Entnahme fünfstellige Beträge.
Vorabpauschale 2026: Was in der Entnahmephase anders läuft
Die Vorabpauschale trifft 2026 alle Thesaurierer-ETF-Halter mit einem Basiszins von 3,20 %. Bei einem Fondswert von 100.000 Euro zu Jahresbeginn ergibt sich ein Basisertrag von 2.240 Euro (100.000 x 3,20 % x 0,7). Nach der Teilfreistellung von 30 % für Aktien-ETFs bleiben 1.568 Euro steuerpflichtig. Das sind rund 414 Euro Abgeltungssteuer plus Soli.
In der Entnahmephase hat die Vorabpauschale einen oft übersehenen Vorteil: Sie reduziert den steuerpflichtigen Gewinn beim späteren Verkauf. Jede gezahlte Vorabpauschale wird als fiktiver Verkauf behandelt und erhöht deinen steuerlichen Einstandskurs. Wenn du also zehn Jahre lang Vorabpauschalen auf einen ETF gezahlt hast, fällt der steuerpflichtige Gewinn beim tatsächlichen Verkauf entsprechend niedriger aus.
Tipp
Stell sicher, dass dein Verrechnungskonto Anfang Januar genug Guthaben hat. ING, Trade Republic und Scalable Capital buchen die Vorabpauschale automatisch ab. Ist das Konto leer, kann der Broker theoretisch Anteile zwangsverkaufen, und das torpediert deine Tranchenstrategie. Bei einem Depotwert von 200.000 Euro solltest du etwa 800 bis 900 Euro bereithalten.
Teilfreistellung: Steuervorteil, der automatisch greift
Die Teilfreistellung nach § 20 InvStG mildert die Steuerlast auf ETF-Erträge ab. Bei Aktien-ETFs (mindestens 51 % Aktienanteil) bleiben 30 % aller Erträge steuerfrei, egal ob Ausschüttungen, Vorabpauschalen oder Veräußerungsgewinne. Das bedeutet: Von 10.000 Euro Gewinn beim Verkauf sind nur 7.000 Euro steuerpflichtig. Die Depotbank rechnet das automatisch.
Was viele nicht wissen: Mischfonds haben nur 15 % Teilfreistellung, reine Rentenfonds 0 %. Wer in der Entnahmephase auch Anleihen-ETFs im Portfolio hat (was für die Risikopufferung sinnvoll sein kann), sollte die unterschiedlichen Freistellungssätze bei der Entnahmereihenfolge berücksichtigen. Aktien-ETFs zuerst zu verkaufen ist steuerlich nicht immer optimal, wenn der Anleihen-ETF keine Teilfreistellung genießt und der Gewinnanteil dort ähnlich hoch ist.
Die ersten fünf Jahre entscheiden alles
Das Sequence-of-Returns-Risiko (kurz SoRR) ist der Grund, warum zwei Menschen mit identischem Portfolio und identischer Entnahmerate komplett unterschiedliche Ergebnisse erzielen können. Wer in den ersten fünf Jahren der Entnahme einen Crash erwischt, entnimmt prozentual mehr Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen bei der späteren Erholung.
Ein Beispiel: Du startest 2056 mit 400.000 Euro und entnimmst 1.500 Euro monatlich (4,5 % Entnahmerate). Fällt der Markt in den ersten drei Jahren um 30 %, schrumpft dein Depot auf unter 240.000 Euro, aus denen du weiterhin 1.500 Euro entnimmst. Das sind plötzlich 7,5 % Entnahmerate. Selbst wenn der Markt sich danach erholt, ist der Schaden oft irreversibel.
Laut justETF gibt es mehrere bewährte Gegenstrategien:
Cash-Puffer: Halte zwei bis drei Jahresentnahmen (36.000 bis 54.000 Euro bei 1.500 Euro monatlich) in Tagesgeld oder Geldmarkt-ETFs. In Crashphasen entnimmst du aus dem Puffer statt aus dem Aktien-ETF. Das gibt dem Portfolio Zeit, sich zu erholen.
Variable Entnahme: Statt einer fixen Summe entnimmst du einen festen Prozentsatz des jeweils aktuellen Depotwerts. Bei 4 % und einem Depot von 400.000 Euro sind das 16.000 Euro im Jahr. Fällt das Depot auf 300.000 Euro, entnimmst du nur noch 12.000 Euro. Das schont das Portfolio in Krisenzeiten automatisch, verlangt aber Flexibilität bei den Ausgaben.
Guardrails-Methode: Du setzt Ober- und Untergrenzen. Steigt die effektive Entnahmerate über 5,5 %, reduzierst du die Entnahme um 10 %. Fällt sie unter 3,5 %, erhöhst du um 10 %. Das ist ein Kompromiss zwischen starrer und vollständig variabler Entnahme.
Sparerpauschbetrag: 1.000 Euro, die du nicht verschenken solltest
Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro (2.000 Euro für Ehepaare) wirkt in der Entnahmephase anders als in der Ansparphase. Während du beim Sparen vielleicht nur geringe Ausschüttungen hast, generierst du beim Verkauf potenziell hohe Gewinne in einem einzigen Jahr.
Die Staffelungsstrategie: Verteile deine Entnahmen so, dass du jedes Jahr den Freibetrag möglichst vollständig ausschöpfst, aber nicht massiv überschreitest. Bei einem Ehepaar mit 2.000 Euro Freibetrag und einer jährlichen Entnahme von 18.000 Euro aus Tranche 3 (31 % Gewinnanteil) fallen rund 5.580 Euro steuerpflichtiger Gewinn an. Nach Abzug des Freibetrags bleiben 3.580 Euro, auf die Steuer anfällt. Das spart gegenüber einer Einmalentnahme erheblich.
Falls du Depots bei mehreren Brokern hast (was bei der Zweitdepot-Variante der Fall ist), verteile den Freistellungsauftrag sinnvoll. Bei der Sparkasse 400 Euro, bei ING 600 Euro, bei Scalable den Rest. Die Verteilung sollte sich an den erwarteten Erträgen pro Depot orientieren, nicht gleichmäßig aufgeteilt werden.
Welche Broker unterstützen das konkret?
Nicht jeder Broker macht dir die Umsetzung gleich leicht. Hier ein ehrlicher Überblick:
ING DiBa: Depotüberträge funktionieren reibungslos, dauern aber gerne mal vier bis sechs Wochen. Die Steuerübersicht ist solide, Vorabpauschale-Verrechnung automatisch. Kein LIFO oder HIFO wählbar, strikt FIFO pro ISIN.
Scalable Capital: Depotüberträge möglich, die App zeigt Gewinn/Verlust pro Position transparent an. Gut für das Zweitdepot-Konzept. Freistellungsauftrag online änderbar.
Trade Republic: Depotüberträge eingehend möglich, ausgehend inzwischen auch, aber der Prozess war historisch holprig. Für die Tranchenstrategie funktioniert es, wenn du hier das Zweitdepot für jüngere Anteile führst.
Consorsbank/comdirect: Klassische Broker mit vollständiger Depotübertrag-Infrastruktur. Steuerberichte sind detailliert. Gut geeignet als stabiles Hauptdepot für die ältesten Tranchen.
Ein ETF-Entnahmeplan-Rechner hilft dir, verschiedene Szenarien durchzuspielen: unterschiedliche Entnahmeraten, Marktphasen und Laufzeiten. Die meisten kostenlosen Rechner berücksichtigen allerdings weder Teilfreistellung noch Vorabpauschale. Rechne also nach Steuern selbst nach.
Was wir 2026 anders machen würden
Die perfekte Entnahmestrategie gibt es nicht. Aber eine, die Steuern, Reihenfolgerisiko und praktische Umsetzbarkeit gleichzeitig adressiert, kommt dem ziemlich nahe. Der wichtigste Schritt: Fang jetzt an, deine Tranchen zu trennen, auch wenn du erst in 20 Jahren entnehmen willst. Einen ETF zu wechseln dauert fünf Minuten. Einen Freistellungsauftrag einzurichten ebenfalls. Die Dokumentation in einer Tabelle kostet dich einen Nachmittag.
Und falls du schon kurz vor der Entnahme stehst: Der Depotübertrag als FIFO-Umgehung funktioniert. Es ist kein Steuertrick, sondern die konsequente Nutzung der Gestaltungsspielräume, die das Investmentsteuergesetz dir lässt. Dein zukünftiges Ich wird dir dankbar sein.