ETS II ab 2028: So stress-testest du deine Heizkosten jetzt
Ab 2028 ersetzt ein Marktauktionssystem den fixen CO₂-Preis für Gas und Öl. Anhand konkreter Szenarien zeigt dieser Artikel, wie du deinen Finanzplan auf die neue Preisvolatilität vorbereitest und welche Pufferstrategien dir echte Planungssicherheit verschaffen.
WonderFunds Team8 Min. Lesezeit
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Der deutsche CO₂-Preis steigt seit 2021 in brav vorgezeichneten Stufen: 25 Euro pro Tonne, dann 30, 35, 45, 55 Euro. Wie eine Treppe, bei der jemand die Stufen mit Kreide vorgemalt hat. Ab 2028 wird diese Treppe abgerissen und durch eine Achterbahn ersetzt. Denn dann übernimmt das europäische Emissionshandelssystem ETS II die Preisbildung für Heizöl, Gas und Kraftstoffe, und der Preis entsteht durch Angebot und Nachfrage bei Auktionen, nicht mehr durch politische Festlegung im Bundestag.
Für alle, die mit Gas oder Öl heizen, ändert das die Spielregeln bei der Finanzplanung. Und zwar grundlegend.
Was sich 2028 konkret ändert
Ursprünglich sollte ETS II schon 2027 starten. Die EU hat den Termin im März 2026 um ein Jahr nach hinten geschoben, auf den 1. Januar 2028. Das gibt etwas mehr Vorlaufzeit, ändert aber nichts an der Mechanik: Statt eines fixen Preises, den die Bundesregierung per Gesetz festlegt, werden CO₂-Zertifikate versteigert. Unternehmen, die fossile Brennstoffe in Verkehr bringen (dein Gasversorger, die Heizöl-Lieferfirma), müssen diese Zertifikate kaufen. Die Kosten landen auf deiner Rechnung.
Der Unterschied zum bisherigen System? Bisher konntest du nachschauen, was der CO₂-Preis nächstes Jahr sein wird. Er stand im Gesetz. Ab 2028 weiß das niemand mehr im Voraus. Der Preis schwankt mit dem Markt.
Ein Sicherheitsnetz, das nicht ewig hält
Die EU hat eine Preisbremse eingebaut: In den ersten drei Jahren gilt eine Obergrenze von 45 Euro pro Tonne CO₂ (in Preisen von 2020), was inflationsbereinigt etwa 59 Euro pro Tonne in 2027er Preisen entspricht. Klingt erstmal beruhigend, weil Deutschland 2025 bereits 55 Euro pro Tonne verlangt.
Aber diese Deckelung läuft aus. Und danach? BloombergNEF prognostiziert einen Anstieg auf 149 Euro pro Tonne bis 2030. Das wäre fast das Dreifache des aktuellen deutschen CO₂-Preises. Ob es wirklich so kommt, weiß niemand. Genau das ist ja der Punkt: Niemand weiß es. Und genau diese Unsicherheit macht die Planung so schwierig.
Jede 50 Euro pro Tonne CO₂ verteuern Erdgas um etwa 1 Cent pro kWh (10 bis 15 % auf der Gasrechnung) und Heizöl um rund 13 Cent pro Liter. Bei 149 €/t CO₂ wären das ca. 3 Cent/kWh mehr beim Gas.
Was das in Euro auf deiner Rechnung bedeutet
Rechnen wir mal mit einem typischen Haushalt in Deutschland: Altbau-Wohnung, 80 Quadratmeter, Gasheizung, Verbrauch um die 12.000 kWh pro Jahr.
Szenario 1: Preisdeckel hält (59 €/t CO₂)
Der Aufschlag gegenüber dem heutigen CO₂-Preis (55 €/t) wäre minimal. , weil der deutsche CO₂-Preis schon relativ nah am erwarteten ETS-II-Einstiegspreis liegt. Fast ein Nullsummenspiel.
Szenario 2: Preis steigt auf 100 €/t CO₂
Bei 12.000 kWh Gasverbrauch reden wir über einen CO₂-Aufschlag von circa 240 Euro pro Jahr. Gegenüber dem heutigen Preis wären das rund 130 Euro mehr. Spürbar, aber verkraftbar.
Szenario 3: BloombergNEF-Szenario (149 €/t CO₂)
Hier wird es ernst. Der CO₂-Aufschlag allein liegt dann bei etwa 360 Euro im Jahr, also rund 250 Euro mehr als heute. Für einen Haushalt mit Ölheizung und 2.000 Litern Verbrauch wären es sogar über 400 Euro Aufschlag.
Und das sind nur die CO₂-Kosten. Der eigentliche Gaspreis kommt ja noch obendrauf.
Wer besonders hart getroffen wird (und wer überraschenderweise nicht)
Interessant ist der europäische Vergleich: Während Haushalte in Polen, Ungarn und der Slowakei mit 100 bis 400 Euro Mehrkosten pro Jahr rechnen müssen, könnten Heizkosten in Portugal, Irland, Dänemark und Schweden sogar sinken. Der Grund: Diese Länder haben schon nationale CO₂-Preise, die über 60 Euro liegen. Wenn ETS II den nationalen Preis teilweise ersetzt statt sich draufzusetzen, wird es dort günstiger.
Deutschland liegt irgendwo in der Mitte. Wir haben zwar einen bestehenden CO₂-Preis, aber er liegt noch unter dem erwarteten ETS-II-Niveau ab 2030. Es wird teurer. Nur die Frage ist: wie viel teurer und wie schnell.
Dein Heizkosten-Stresstest in vier Schritten
Klingt jetzt alles etwas abstrakt. Wird es aber nicht, wenn du es auf deine eigene Situation runterbrichst. Hier ist, wie du das machen kannst:
Schritt 1: Deinen tatsächlichen Verbrauch kennen
Klingt banal, aber erstaunlich viele Leute wissen nicht, wie viel Gas oder Öl sie im Jahr verbrauchen. Die letzte Jahresabrechnung von deinem Versorger (Stadtwerke, E.ON, Vattenfall, etc.) zeigt dir den Verbrauch in kWh. Steht da 15.000 kWh? 20.000 kWh? Schreib dir die Zahl auf.
Bei Heizöl: Tankfüllmenge mal Heizwert (ca. 10 kWh pro Liter). Wenn du 2.000 Liter im Jahr verbrauchst, sind das ungefähr 20.000 kWh.
Schritt 2: Drei Preisszenarien durchrechnen
Nimm deinen Verbrauch und rechne mit drei CO₂-Preisen:
60 €/t (optimistisch, Einstiegspreis mit Deckel)
100 €/t (mittleres Szenario für 2030/2031)
150 €/t (BloombergNEF-Prognose, oberes Ende)
Die Faustformel für Gas: Verbrauch in kWh × 0,0002 × CO₂-Preis in Euro = jährlicher CO₂-Aufschlag.
Bei 15.000 kWh und 100 €/t: 15.000 × 0,0002 × 100 = 300 Euro pro Jahr.
Schritt 3: Gegenrechnung mit Wärmepumpe
Ja, der Klassiker. Aber die Rechnung ist eigentlich simpel: Eine Wärmepumpe mit einer Jahresarbeitszahl von 3,5 braucht für die gleiche Wärmeleistung nur rund ein Drittel der Energie in Form von Strom. Und Strom fällt nicht unter ETS II (der unterliegt dem bestehenden ETS I, dessen Kosten bereits in den Strompreisen stecken).
Ein Haushalt mit 12.000 kWh Gasbedarf bräuchte mit Wärmepumpe etwa 3.400 kWh Strom. Bei aktuellen Strompreisen um die 30 Cent/kWh sind das circa 1.020 Euro Heizkosten, ohne zusätzliches CO₂-Preisrisiko aus ETS II. Die gleiche Wärmemenge mit Gas kostet aktuell um die 1.100 Euro (inkl. CO₂-Preis), Tendenz steigend.
Der Haken: Die Investitionskosten für eine Wärmepumpe liegen bei 15.000 bis 30.000 Euro, nach Abzug der Förderung oft noch bei 8.000 bis 15.000 Euro. Das rechnet sich nicht in zwei Jahren. Aber über zehn Jahre, mit steigenden CO₂-Preisen, sieht die Sache anders aus.
Schritt 4: Den "Preis der Unsicherheit" beziffern
Das ist der eigentlich spannende Teil. Rechne die Differenz zwischen deinem besten und deinem schlechtesten Szenario aus. Bei unserem Beispielhaushalt (15.000 kWh Gas):
Bestes Szenario (60 €/t): 180 Euro CO₂-Kosten
Schlechtestes Szenario (150 €/t): 450 Euro CO₂-Kosten
Differenz: 270 Euro pro Jahr
Diese 270 Euro sind deine Unsicherheitsspanne. So viel kann deine Jahresrechnung schwanken, nur durch den CO₂-Preis, ohne dass sich am eigentlichen Gaspreis irgendetwas ändert. Diesen Betrag solltest du als Puffer einplanen. Monatlich wären das 22,50 Euro.
Tipp
Leg dir ab sofort einen monatlichen Heizkosten-Puffer an, der dein Worst-Case-Szenario abdeckt. Bei Gas: ca. 20 bis 40 Euro pro Monat zusätzlich zur aktuellen Abschlagszahlung. Wenn der CO₂-Preis niedriger ausfällt als befürchtet, hast du Ende des Jahres einen netten Überschuss. Fällt er höher aus, bist du vorbereitet.
Was du tun kannst, bevor es losgeht
Die Zeit bis Januar 2028 ist kein Warteraum. Sie ist dein Planungsfenster.
Sanierung: der langweilige, aber wirksamste Hebel
Ehrlich gesagt, Dämmung ist kein aufregendes Thema. Aber es ist der eine Faktor, der sowohl den Verbrauch senkt als auch die Empfindlichkeit gegenüber CO₂-Preisschwankungen reduziert. Wer statt 15.000 kWh nur noch 10.000 kWh Gas verbraucht, den trifft ein CO₂-Preissprung um ein Drittel weniger.
Die KfW-Förderung für energetische Sanierung (Programm 261/262) bietet bis zu 150.000 Euro Kreditrahmen mit Tilgungszuschuss. Eine neue Fassadendämmung kostet bei einem Einfamilienhaus oft 15.000 bis 25.000 Euro, spart aber 20 bis 30 Prozent Heizenergie. Das rechnet sich auch ohne steigende CO₂-Preise, nur langsamer.
Der Social Climate Fund: 86,7 Milliarden Euro für den Übergang
Die EU hat den Social Climate Fund (SCF) mit mindestens 86,7 Milliarden Euro ausgestattet (inklusive nationaler Ko-Finanzierung), der von 2026 bis 2032 läuft. Dieses Geld ist explizit für Wärmepumpen, Solaranlagen und Gebäudesanierung gedacht. Die Mittel fließen über nationale Sozialklimakapläne, Deutschland muss also einen solchen Plan vorlegen.
Was bedeutet das konkret für dich? Die Fördertöpfe werden in den Jahren 2026 und 2027 am vollsten sein, bevor ETS II startet. Wer eine Heizungsmodernisierung plant, sollte jetzt die Anträge vorbereiten. Erfahrungsgemäß sind Förderprogramme am Anfang am großzügigsten und werden später gekürzt oder verschärft, wenn die Nachfrage steigt.
Tarif-Timing: klein, aber nicht irrelevant
Viele Gasversorger bieten Festpreisverträge an, typischerweise für 12 oder 24 Monate. Der CO₂-Preis ist in diesen Verträgen eingepreist, aber eben zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses. Wenn du 2027 einen 24-Monats-Vertrag abschließt, sicherst du dir den CO₂-Preis vor dem ETS-II-Start für zwei Jahre. Kein großer Gewinn, aber ein Stück Planbarkeit.
Achtung: Das funktioniert nur, wenn der Gasversorger das Preisrisiko übernimmt und nicht per Preisanpassungsklausel weitergibt. Die Vertragsbedingungen genau lesen. Bei der Sparkasse fragt auch niemand, ob die Zinsen sich "anpassen dürfen".
Die ehrliche Einordnung
Machen wir uns nichts vor: Für die meisten deutschen Haushalte wird der ETS-II-Start 2028 kein Schock. Der bestehende CO₂-Preis hat den Großteil des Weges schon zurückgelegt. Die Bertelsmann-Stiftung rechnet mit durchschnittlich 17 Euro Mehrkosten im Einstiegsjahr. Das ist weniger als ein Netflix-Abo.
Das eigentliche Risiko liegt in den Jahren danach, wenn der Preisdeckel fällt und der Markt den Preis bestimmt. Dann kann es schnell gehen. Die Grenzkosten der CO₂-Vermeidung sind inhärent unsicher, wie ABN AMRO es formuliert. Technologische Durchbrüche können den Preis drücken, geopolitische Krisen ihn hochtreiben. Beides gleichzeitig ist auch möglich.
Wer jetzt seinen Verbrauch kennt, drei Szenarien durchgerechnet hat und einen monatlichen Puffer anlegt, ist besser vorbereitet als 90 Prozent der Haushalte. Wer zusätzlich die nächsten 18 Monate nutzt, um Fördermittel für Sanierung oder Heizungstausch zu beantragen, macht sich langfristig unabhängiger von der CO₂-Preis-Achterbahn.
Perfekte Planungssicherheit gibt es ab 2028 nicht mehr. Aber kluge Vorbereitung, die gibt es schon.