500 Milliarden für Brücken, null Debatte über deine Finanzdaten
Deutschland baut Infrastruktur für 500 Milliarden Euro. Gleichzeitig entscheidet Brüssel gerade, wer künftig Zugriff auf deine Konten, Versicherungen und Rentendaten bekommt. Beides gehört zusammen, doch kaum jemand verbindet die Punkte.
WonderFunds Team9 Min. Lesezeit
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Über die Brücken, Schienen und Krankenhäuser im Sondervermögen wird viel berichtet. Über die Frage, wer künftig Zugriff auf deine Kontodaten, Versicherungsinformationen und Rentendaten bekommt (und zu welchen Bedingungen), dagegen kaum.
Was PSD3 eigentlich ändern soll
Die bisherige Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 hat Open Banking in Europa eingeführt. Banken mussten Schnittstellen (APIs) bereitstellen, über die Drittanbieter mit deiner Erlaubnis auf Kontodaten zugreifen konnten. Die Idee war gut, die Umsetzung holprig. Die EU-Kommission hat bei ihrer Überprüfung festgestellt, dass Open Banking nicht vollständig funktioniert hat, Betrugsrisiken weiterhin bestehen und viele Verbraucher schlicht bei Bargeld geblieben sind.
PSD3 soll das jetzt korrigieren. Der größte strukturelle Unterschied: Viele Regeln werden nicht mehr als Richtlinie (die jedes Land einzeln umsetzen muss), sondern als direkt geltende Verordnung (PSR) kommen. Das bedeutet weniger nationale Interpretation, weniger Ausreden. Open-Banking-Verpflichtungen werden granularer und durchsetzbarer, inklusive Notfallmechanismen, falls Banken ihre APIs absichtlich oder fahrlässig schlecht pflegen.
Konkret sollen Banken künftig ein Dashboard anbieten, in dem du siehst, welchen Drittanbietern du Zugriff auf deine Daten gewährt hast. Klingt simpel. Ist es auch. Und trotzdem existiert das bisher bei keiner deutschen Bank in brauchbarer Form. Weder bei der Sparkasse noch bei ING noch bei der Consorsbank gibt es heute eine Übersicht, die dir auf einen Blick zeigt, wer Zugriff auf welche deiner Kontodaten hat. Das soll sich ändern, aber der genaue Zeitplan steht noch aus.
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FIDA: Das eigentliche Erdbeben
PSD3 betrifft Zahlungsdienste. Die wirklich große Veränderung kommt durch ein anderes Regelwerk: die Financial Data Access Regulation, kurz FIDA. FIDA geht weit über Girokonten hinaus. Die Verordnung soll Banken, Versicherer und andere Finanzinstitute verpflichten, definierte Kategorien von Kundendaten zu teilen: Investitionen, Versicherungen, Renten, Hypotheken und mehr.
FIDA umfasst laut aktuellem Entwurf mindestens sechs Datenkategorien jenseits klassischer Bankkonten: Investmentdepots, Lebensversicherungen, betriebliche und private Altersvorsorge, Hypothekendarlehen, Kreditverträge und Sachversicherungen. (Quelle: Capco Intelligence, April 2025)
Was heißt das für dich persönlich? Stell dir vor, du hast ein Girokonto bei der Sparkasse, ein Depot bei Trade Republic, eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei der Allianz, einen Riester-Vertrag bei der DWS und eine Baufinanzierung bei der ING. Heute musst du dich in fünf verschiedene Portale einloggen, um dir ein Gesamtbild zu verschaffen. Mit FIDA könntest du einem autorisierten Dienst erlauben, all diese Daten an einem Ort zusammenzuführen. Oder du machst es manuell. Beides soll möglich sein.
Die Machtfrage: Wer baut das Dashboard?
Und hier wird es politisch spannend. Denn die zentrale Spannung in FIDA dreht sich um eine Frage, die harmlos klingt, aber enorme Konsequenzen hat: Wer kontrolliert die Oberfläche, durch die Verbraucher ihre Finanzdaten sehen und verwalten?
Parlament und Rat haben sich deshalb auf Einschränkungen geeinigt: Wenn ein Unternehmen Teil einer Gruppe ist, in der mindestens eine Einheit als „Gatekeeper" (im Sinne des Digital Markets Act) eingestuft wird, muss sichergestellt sein, dass nur diese Einheit Zugang zu den Finanzdaten erhält. Das soll verhindern, dass ein Konzern wie Meta oder Alphabet Finanzdaten quer durch sein gesamtes Ökosystem schieben kann.
Ob das in der Praxis reicht? Ehrlich gesagt, das ist schwer zu sagen. Die technische Durchsetzung solcher Trennungsregeln war schon beim Datenschutz (Stichwort DSGVO und Meta) ein Desaster. Aber der Versuch ist da.
18 Milliarden für Digitalisierung. Das klingt erstmal nach viel. Aber was genau damit gemeint ist, bleibt vage. Breitbandausbau? Verwaltungsdigitalisierung? Beides überfällig, klar. Was man in keiner Debatte über das Sondervermögen findet: eine Diskussion darüber, wie Bürger transparenten und auditierbaren Zugang zu ihren eigenen Haushaltsdaten bekommen könnten. Das Geld fließt in physische und digitale Infrastruktur, aber die Frage der finanziellen Infrastruktur auf Verbraucherebene fehlt komplett.
Das ist kein Vorwurf an die Bundesregierung. Ein Infrastrukturfonds muss Straßen und Stromnetze bauen. Aber es zeigt, wie wenig der öffentliche Diskurs die Verbindung zwischen Digitalisierungsinvestitionen und der regulatorischen Architektur herstellt, die in Brüssel gerade entsteht.
Was 18 Milliarden Digitalisierungsbudget mit deinem Haushaltsbuch zu tun haben
Wenn Deutschland seine Verwaltung digitalisiert, werden mehr Informationen elektronisch verfügbar: Steuerbescheide, Kindergeld-Zahlungen, GEZ-Beiträge, Bürgergeld-Bescheide. In Kombination mit FIDA entsteht theoretisch die Möglichkeit, dass du eines Tages einen vollständigen Überblick über deine finanzielle Situation an einem Ort hast. Einnahmen, Ausgaben, Versicherungen, Altersvorsorge. Alles zusammen.
Theoretisch. Denn praktisch hängt das davon ab, ob die Schnittstellen sauber gebaut werden, ob die Datenschutzmechanismen funktionieren und ob du als Verbraucher tatsächlich die Kontrolle behältst, wer was sehen darf.
2026 bis 2027: Warum diese 18 Monate entscheidend sind
2026 liegt im Zentrum der Übergangsperiode für die meisten Kernverpflichtungen: PSD3/PSR, das Regime für Instant Credit Transfers, die DORA-Anforderungen an digitale operationelle Resilienz und die Entwicklung von Account-to-Account-Zahlungen. Die Gesetzestexte zu PSD3 und PSR sollen etwa Mitte 2026 in Kraft treten.
Parallel dazu wird FIDA voraussichtlich ab 2027 in die erste Umsetzungsphase gehen. Das bedeutet: In den nächsten 18 Monaten werden die technischen Standards definiert, die festlegen, wie Finanzdaten geteilt werden. Welche Formate. Welche Sicherheitsanforderungen. Welche Einwilligungsmechanismen.
Tipp
Wenn du dich fragst, was du jetzt tun kannst: Fang an, dir einen Überblick über alle deine Finanzverträge zu verschaffen. Nicht weil FIDA das morgen automatisch macht, sondern weil du dann besser einschätzen kannst, welche Dienste dir 2027 tatsächlich nützen und welche nur deine Daten wollen. Eine einfache Tabelle reicht: Institution, Produkt, ungefährer monatlicher Betrag. 15 Minuten Arbeit, die sich lohnen.
Die unbequeme Wahrheit über „Verbraucherermächtigung"
FIDA verfolgt einen kundenzentrierten Ansatz, der sicherstellen soll, dass Verbraucher und Firmen wirksame Kontrollinstrumente über ihre Finanzdaten haben. So der offizielle Anspruch. Die unbequeme Wahrheit ist: „Kontrolle" kann vieles bedeuten.
Kontrolle kann bedeuten, dass du aktiv entscheidest, wem du Zugang gewährst, wie lange, und dass du jederzeit widerrufen kannst. Das wäre echte Kontrolle.
Kontrolle kann aber auch bedeuten, dass du irgendwo in einem 47-seitigen Nutzungsvertrag einer Datenfreigabe zustimmst, weil du sonst die App nicht nutzen kannst. Technisch hast du zugestimmt. Praktisch hattest du keine echte Wahl. Das kennen wir alle von Cookie-Bannern.
Welche Version von „Kontrolle" FIDA in der Praxis liefern wird, entscheidet sich in den Details der Umsetzung. In den technischen Standards, den Zertifizierungsanforderungen für Drittanbieter, den Mindestanforderungen an Einwilligungs-Interfaces. Genau diese Details werden gerade verhandelt, und genau darüber berichtet die Finanzpresse praktisch nicht.
Was das für deinen Alltag bedeutet
Mal ganz konkret: Ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland hat laut Destatis Konsumausgaben von etwa 2.846 Euro im Monat (Stand 2023). Dieses Geld verteilt sich auf Miete, Lebensmittel, Mobilität, Versicherungen, Strom, Internet, Streaming, Kleidung und hundert andere Posten. Die meisten Leute haben eine ungefähre Vorstellung, wohin das Geld fließt. Ungefähr.
Mit den richtigen Werkzeugen (ob eine App, eine Tabelle oder ein handgeschriebenes Haushaltsbuch) lässt sich das präzisieren. Die Frage, die PSD3 und FIDA aufwerfen, ist: Wer liefert diese Werkzeuge? Und was kostet es dich, nicht in Euro, sondern in Daten?
Es gibt grundsätzlich zwei Modelle. Im ersten gibst du einer App deine Bankzugangsdaten oder autorisierst den API-Zugriff, und die App kategorisiert automatisch. Bequem, aber du gibst Zugang ab. Im zweiten kontrollierst du die Dateneingabe selbst. Weniger bequem, aber du behältst die volle Kontrolle darüber, welche Informationen wo landen.
Beide Modelle werden unter FIDA koexistieren. Die Regulierung macht den automatisierten Zugriff einfacher und standardisierter. Aber sie erzwingt ihn nicht. Du kannst auch weiterhin deine Finanzen manuell tracken, deine Ausgaben selbst eingeben und deine Daten bei dir behalten. Das Recht auf Datenzugang ist kein Zwang zur Datenfreigabe.
Was in den nächsten Monaten passiert (und worauf du achten solltest)
Die politische Einigung über PSD3/PSR steht. Die Texte werden finalisiert und voraussichtlich Mitte 2026 veröffentlicht. FIDA ist noch im Trilog, aber mit breiter politischer Unterstützung. Die Mindestlohnerhöhung auf 12,82 Euro pro Stunde ab Januar 2025 und mögliche weitere Anpassungen 2026 verändern die Einkommensseite vieler Haushalte. Und die 500 Milliarden aus dem Sondervermögen werden über zwölf Jahre fließen, mit sichtbaren Auswirkungen auf Baukosten, Energiepreise und die allgemeine Wirtschaftslage.
All diese Dinge hängen zusammen. Höherer Mindestlohn bedeutet mehr Einkommen für einige, aber auch steigende Preise in bestimmten Sektoren. Infrastrukturinvestitionen bedeuten langfristig bessere Lebensbedingungen, kurzfristig aber auch höhere Staatsschulden. Und die neue Finanzdaten-Regulierung bedeutet mehr Möglichkeiten, den eigenen Haushalt zu überblicken, aber auch neue Risiken, wenn die Kontrollmechanismen versagen.
Der blinde Fleck der Berichterstattung
Wir lesen viel über Brücken, Schienen und Krankenhäuser. Wir lesen einiges über Mindestlohn und Bürgergeld. Über die technische Architektur, die bestimmt, wer unsere Finanzdaten sehen, verarbeiten und monetarisieren darf, lesen wir fast nichts. Das ist ein Problem, weil diese Architektur gerade jetzt geformt wird. Nicht in fünf Jahren. Jetzt.
Die Frage, ob finanzielle Klarheit ein Recht wird, das du selbst ausübst, oder ein Service, für den du mit deinen Daten bezahlst, wird in Brüsseler Verhandlungsräumen entschieden. Und in den technischen Standards, die danach kommen. Als Verbraucher kannst du darauf wenig Einfluss nehmen. Aber du kannst entscheiden, wie du mit deinen eigenen Finanzdaten umgehst. Heute, nicht erst 2027.
Am Ende geht es darum, wer die Infrastruktur deines finanziellen Alltags baut. Ob physisch oder digital. Und ob du bei der digitalen Version Zuschauer bist oder selbst bestimmst.