32,8 Millionen und kein Ende in Sicht
2022 investierten 19,3 Millionen Europäer in ETFs. Drei Jahre später sind es 32,8 Millionen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 19 Prozent. Kein Nischenprodukt mehr, kein Trend für Finanznerds. ETFs sind in der Mitte angekommen.
Oder genauer: in der jungen Mitte. Denn wer diesen Boom antreibt, sitzt nicht im Homeoffice einer Privatbank. Sondern auf dem Sofa, mit dem Handy in der Hand, einem Trade-Republic- oder Scalable-Capital-Konto und dem Gefühl, dass das Sparbuch der Eltern vielleicht doch nicht die Antwort auf alles ist.
ETF-Investoren in Europa: von 19,3 Millionen (2022) auf 32,8 Millionen (2025). Das sind 19 % jährliches Wachstum über drei Jahre.
Unter 35 übernimmt
Die Zahlen aus Großbritannien sind besonders deutlich. Seit 2022 ist die ETF-Quote unter 18- bis 34-Jährigen um 87,5 Prozent gestiegen. Fast die Hälfte aller britischen ETF-Anleger (46 %) ist mittlerweile jünger als 35. In den nächsten zwölf Monaten werden laut BlackRock 1,9 Millionen neue ETF-Investoren dazukommen, 77 Prozent davon unter 35.
Italien erzählt eine ähnliche Geschichte. ETF-Nutzung unter 18- bis 34-Jährigen: plus 32 Prozent in drei Jahren. 56 Prozent der potenziellen neuen ETF-Anleger in Italien sind Erstinvestoren unter 44. Keine Erbschaft, kein Berater, kein Depot bei der Hausbank. Einfach angefangen.
Deutschland liefert keine vergleichbar granularen ETF-Altersstatistiken, aber die Richtung ist klar. Trade Republic hat über vier Millionen Nutzer, Scalable Capital wächst zweistellig, und die Zahl der ETF-Sparpläne in Deutschland hat sich laut Extra-ETF seit 2020 verdreifacht. Der typische Neobroker-Kunde ist unter 35.
Warum gerade jetzt
Bessere Rendite als das Sparbuch. Das ist der Hauptgrund. 42 Prozent aller befragten Investoren nennen ihn. Klingt banal, ist es aber nicht. Denn jahrzehntelang war die implizite Botschaft in Deutschland: Sparen reicht. Tagesgeld, Festgeld, vielleicht ein Bausparvertrag. Rendite war etwas für Leute mit Geld und Aktiendepot bei der Commerzbank.
Diese Erzählung bröckelt. Nullzinsen, Inflation, steigende Mieten. Junge Menschen rechnen selbst nach und kommen zum Schluss, dass 0,5 Prozent auf dem Tagesgeld nach Inflation ein Verlustgeschäft sind.
Dazu kommt die Zugänglichkeit. 28 Prozent der Gen Z sagen, sie haben angefangen zu investieren, weil sie es am Handy konnten. Kein Termin bei der Filiale, kein zwanzigseitiges Formular. Scalable Capital, Trade Republic, Consorsbank Neobroker: drei Klicks, erster Sparplan läuft. Das senkt die Hemmschwelle enorm.
Und dann die sozialen Faktoren. 22 Prozent der unter 35-Jährigen geben FOMO als Motivation an (bei über 35-Jährigen nur 14 %). 27 Prozent investieren, weil Freunde oder Familie es tun. FinFluencer auf YouTube, Instagram, TikTok: „So legst du 25 Euro im Monat an." Finanz-Content ist Pop geworden.
Tipp
Der soziale Druck, investieren zu müssen, kann auch schiefgehen. Bevor du deinen ersten ETF-Sparplan startest: Hast du einen Notgroschen? Sind hochverzinste Schulden getilgt? 25 Euro im Monat in einen ETF bringen wenig, wenn gleichzeitig Dispozinsen von 12 % laufen.
36 Prozent wollen Kontrolle
Es gibt ein Motiv, das tiefer sitzt als FOMO. 36 Prozent der jüngeren Millennials sagen, sie investieren, weil sie mehr Kontrolle über ihre Finanzen wollten. Das ist ein Generationensignal. Die Eltern hatten Betriebsrenten und Riester. Diese Generation hat das Gefühl, dass niemand sonst sich um ihre Altersvorsorge kümmert. Bürgergeld-Debatten, wackelige Rentenprognosen, Inflation. Wer mit Ende 20 auf die gesetzliche Rente vertraut, ist entweder optimistisch oder hat nicht nachgerechnet.
ETFs passen in dieses Kontrollbedürfnis. Geringe Kosten, breite Streuung, kein Fondsmanager, der Gebühren kassiert und trotzdem den Index nicht schlägt. Ein MSCI World oder FTSE All-World als Kern-ETF, vielleicht ein Europa-ETF dazu (64 Prozent der italienischen ETF-Interessenten bevorzugen europäische Märkte gegenüber 40 Prozent US), fertig. Das ist keine Raketenwissenschaft. Und genau das ist der Punkt.
Die Wissenslücke bremst mehr als die Zinsen
Hier kommt die unbequeme Seite. In Italien sagen nur 27 Prozent, sie hätten ein grundlegendes Verständnis davon, was ein ETF ist. Bei Frauen sind es 17 Prozent, bei Männern 38. Und 54 Prozent der jungen Nicht-Investoren nennen fehlendes Wissen als Hauptgrund, warum sie nicht investieren.
Nicht Angst. Nicht fehlendes Geld. Fehlendes Wissen.
Das ist einerseits deprimierend. Andererseits ist es die beste Nachricht in diesem Artikel. Denn Wissen ist das einzige Hindernis, das sich beseitigen lässt, ohne dass sich etwas an deinem Gehalt, den Märkten oder der Politik ändern muss.
Warnung
Wer investiert, ohne die Grundlagen zu verstehen, trifft trotzdem Entscheidungen. Nur eben schlechte. Gen Z ist laut BlackRock 170 Prozent wahrscheinlicher als Boomer, in Krypto zu investieren. Das ist kein Zeichen von Risikobereitschaft. Das ist ein Zeichen von fehlendem Kontext.
Kein Schulfach, also Eigeninitiative
Deutschland hat (Stand 2026) kein Pflichtfach Finanzbildung. Niedersachsen experimentiert, andere Bundesländer schauen zu. Bis sich das ändert, bleibt Finanzbildung Privatangelegenheit. Du lernst es von deinen Eltern, von Finanztip, von „Finanzfluss" auf YouTube, oder du lernst es halt nicht.
Der erste Schritt ist fast nie ein ETF-Sparplan. Der erste Schritt ist zu wissen, wo dein Geld überhaupt hingeht. 340 Euro im Monat für Lieferdienste? 85 Euro für Streaming-Abos, die du vergessen hast? Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie ihre tatsächlichen Ausgaben verteilt sind. Und ohne dieses Bild triffst du Investitionsentscheidungen auf Basis von Gefühlen statt Fakten.
32,8 Millionen ETF-Anleger in Europa zeigen, dass sich etwas verschoben hat. Junge Menschen nehmen ihre Finanzen in die Hand, mit allen Werkzeugen, die Neobroker und mobile Apps bieten. Aber Zugang ohne Verständnis reicht nicht. Wer weiß, wie viel vom Einkommen tatsächlich übrig bleibt, kann eine fundierte Entscheidung treffen: wie viel in den Sparplan fließt, welcher ETF zum eigenen Risikoprofil passt, ob es der MSCI World oder doch ein Europa-Fokus sein soll.
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