Was ein Jahr ohne Rebalancing 2025/2026 konkret kostet
Ein 70/30-Portfolio ist nach dem Aktienrun oft auf 85/15 gedriftet. Anhand konkreter Szenarien zeigen wir, wie viel das in Euro kostet und welche einfache Schwellenwert-Regel gegensteuert.
WonderFunds Team8 Min. Lesezeit
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Wer Anfang 2023 ein braves 70/30-Portfolio aus Aktien-ETFs und Anleihen aufgebaut hat, sitzt heute vermutlich auf einer Verteilung von ungefähr 85/15. Drei Jahre mit S&P-500-Renditen von über 25 %, gefolgt von rund 18 % in 2025, haben die Gewichte kräftig verschoben. Die meisten Anleger wissen das theoretisch. Aber fast niemand rechnet nach, was genau passiert, wenn man einfach noch ein weiteres Jahr abwartet.
Wir haben das mal durchgerechnet.
Was „Portfolio Drift" in Euro bedeutet
Nehmen wir ein Beispiel, das vielen deutschen Privatanlegern vertraut vorkommt: 50.000 Euro Depotwert, ursprünglich aufgeteilt in 35.000 Euro MSCI-World-ETF und 15.000 Euro Euro-Staatsanleihen-ETF. Nach dem Aktienrun der letzten Jahre steht der Aktienteil bei rund 43.000 Euro, der Anleiheteil bei 15.800 Euro (Anleihen haben sich kaum bewegt, teils sogar leicht verloren). Das Verhältnis: etwa 73/27 statt 70/30.
Klingt harmlos. Drei Prozentpunkte, wen juckt's?
Aber jetzt wird's konkret. Bei einem Aktiencrash von 30 % (vergleichbar mit dem Corona-Einbruch im März 2020) verliert das 73/27-Portfolio rund 12.900 Euro. Das ursprüngliche 70/30-Portfolio hätte nur 10.500 Euro verloren. Die Differenz: 2.400 Euro, allein durch die Drift, die du „mitlaufen" lässt. Bei 100.000 Euro Depotgröße reden wir von fast 5.000 Euro Unterschied.
Das ist kein theoretisches Modell. Das ist einfache Mathematik.
Die deutsche Zinslandschaft hat sich gedreht
Jahrelang waren Anleihen ein Verlustgeschäft, oder bestenfalls ein Parkplatz fürs Geld. Dieser Satz stimmt 2025 nicht mehr. Die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen liegt aktuell bei rund 3,38 %, dem höchsten Stand seit April 2011. In den letzten zwölf Monaten ist die Rendite um fast 64 Basispunkte gestiegen.
Was heißt das praktisch? Wer heute eine zehnjährige Bundesanleihe kauft, bekommt pro 10.000 Euro investiertem Kapital jährlich 338 Euro Zinsen. Vor drei Jahren waren das vielleicht 80 Euro. Das ist ein Unterschied, der sich über die Laufzeit bemerkbar macht.
Rendite 10-jähriger Bundesanleihen (2025)
3,38 %
Höchster Stand seit April 2011. Anleihen liefern erstmals seit Jahren realen Mehrwert im Portfolio.
Für alle, deren Anleihenanteil durch die Aktien-Rally geschrumpft ist, ergibt sich eine doppelte Chance: Sie können das Risikoniveau senken und gleichzeitig in eine Anlageklasse umschichten, die gerade tatsächlich attraktive Erträge liefert. Das war die letzten zehn Jahre lang nicht der Fall.
Warum „Ich mach das nächstes Jahr" teuer wird
Die häufigste Ausrede beim Rebalancing: „Ich warte noch, die Aktien laufen doch gerade gut." Stimmt, sie laufen gut. Genau deshalb ist dein Portfolio aus dem Gleichgewicht.
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Wir haben ein Szenario durchgespielt: Ein Anleger mit 80.000 Euro, der Anfang 2024 bei 70/30 stand, hat Ende 2025 durch die Aktien-Rally ein Verhältnis von etwa 82/18. Er beschließt, „noch ein Jahr zu warten."
Szenario A: Aktien steigen 2026 weitere 10 %. Das Portfolio wächst auf etwa 91.000 Euro, Verhältnis jetzt 85/15. Die Drift wird immer extremer, und ein eventueller Crash trifft 85 % des Portfolios.
Szenario B: Aktien fallen 2026 um 20 % (eine völlig normale Korrektur). Das Portfolio fällt auf rund 69.000 Euro. Hätte der Anleger Ende 2025 rebalanced, wäre er bei 72.500 Euro gelandet, denn der größere Anleihenanteil hätte den Fall abgefedert. Differenz: 3.500 Euro. Für einmal nichts tun.
Egal welches Szenario eintritt: Abwarten kostet. Entweder Rendite, oder Risikopuffer, oder beides.
Die 5-Prozentpunkte-Regel (und warum sie für deutsche Depots passt)
Kalenderbasiertes Rebalancing, also einmal pro Jahr am 1. Januar umschichten, ist besser als gar nichts. Aber es ist nicht optimal. Du rebalanced möglicherweise, obwohl sich kaum etwas verschoben hat, oder du wartest zu lange, wenn die Märkte im Sommer verrückt spielen.
Besser: eine schwellenbasierte Regel. Das funktioniert so: Du legst fest, dass du erst dann umschichtest, wenn eine Anlageklasse um mindestens 5 Prozentpunkte von der Zielallokation abweicht. Bei einem 70/30-Portfolio also, wenn der Aktienanteil über 75 % steigt oder unter 65 % fällt.
Tipp
Die 5-Prozentpunkte-Schwelle im Alltag: Schau einmal im Quartal auf dein Depot. Rechne den Aktienanteil aus (Aktienwert geteilt durch Gesamtdepotwert mal 100). Liegt er mehr als 5 Prozentpunkte über oder unter deinem Ziel, schichte um. Liegt er darunter, mach dir einen Kaffee und schau in drei Monaten wieder. Bei größeren Depots ab 100.000 Euro kann eine engere Schwelle von 3 Prozentpunkten sinnvoll sein.
Warum gerade 5 Prozentpunkte? Enger (zum Beispiel 2 Prozentpunkte) erzeugt zu viele Transaktionen. Bei typischen Neobroker-Kosten von 1 Euro pro Trade ist das zwar billig, aber es entstehen steuerliche Ereignisse. Jeder Verkauf eines ETFs mit Gewinn löst in Deutschland 26,375 % Abgeltungsteuer plus Soli aus (wir ignorieren hier mal Kirchensteuer). Zu häufiges Rebalancing frisst einen Teil des Vorteils wieder auf.
Bei 10 Prozentpunkten Abweichung bist du hingegen schon in einem Bereich, wo das Risikoprofil sich so stark verändert hat, dass die steuerlichen Kosten klar gerechtfertigt sind.
Rebalancing über frisches Geld: der steuerschonende Weg
Ehrlich gesagt: Der steuerlich cleverste Weg ist meistens, gar nicht zu verkaufen. Stattdessen leitest du neue Sparplanraten oder Einmalzahlungen gezielt in die untergewichtete Anlageklasse. Wer monatlich 300 Euro in ETFs spart und merkt, dass Anleihen untergewichtet sind, stellt den Sparplan für zwei, drei Monate komplett auf den Anleihen-ETF um. Kein Verkauf, keine Steuer, gleicher Effekt.
Das funktioniert natürlich nur bei kleineren Abweichungen oder großen laufenden Sparraten im Verhältnis zur Depotgröße. Bei einem 200.000-Euro-Depot und 200 Euro Sparrate brauchst du ewig, um eine 10-Prozentpunkte-Drift auszugleichen. Da kommst du um einen Teilverkauf kaum herum.
Mega-Cap-Konzentration: das versteckte Risiko hinter der Drift
Ein Punkt, der selten besprochen wird: Wenn dein MSCI-World-ETF von 70 % auf 85 % deines Portfolios wächst, wächst automatisch auch dein Klumpenrisiko in US-Tech-Aktien. Der MSCI World besteht aktuell zu rund 70 % aus US-Titeln, und die Top-10-Positionen machen über 20 % des Index aus. Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Meta.
Bei einem 85/15-Portfolio mit MSCI World als Aktienbasis hast du also: 85 % × 70 % = knapp 60 % deines gesamten Vermögens in US-Aktien. Und rund 17 % in zehn einzelnen Unternehmen. Das ist keine Diversifikation mehr. Das ist eine konzentrierte Wette auf den US-Tech-Sektor, verpackt als breit gestreuter ETF.
Rebalancing löst dieses Problem nicht vollständig, aber es reduziert die Konzentration automatisch, weil du vom übergewichteten Teil (Aktien/US-Tech) in den untergewichteten Teil (Anleihen, eventuell europäische oder Schwellenländer-Positionen) umschichtest.
Wer kurz vor der Rente steht, sollte jetzt genau hinschauen
Dieser Abschnitt ist zugegeben etwas trocken, aber er ist für alle zwischen 55 und 65 extrem relevant.
Wer zehn Jahre oder weniger vor dem Renteneintritt steht, hat ein Problem, das Finanzwissenschaftler „Sequence of Returns Risk" nennen. Klingt sperrig, ist aber simpel: Wenn die Märkte in deinen letzten Arbeitsjahren einbrechen, hast du keine Zeit mehr, die Verluste aufzuholen. Ein Crash bei einem 85/15-Portfolio trifft dich deutlich härter als bei einem altersgerechten 50/50 oder 60/40.
Konkretes Beispiel: Ein 58-jähriger mit 250.000 Euro Depot, aufgeteilt in 85 % Aktien und 15 % Anleihen. Ein 30%-Crash (wie 2020, wie 2008) bedeutet einen Verlust von rund 63.750 Euro auf dem Aktienteil. Bei einem 60/40-Portfolio wären es 45.000 Euro. Die Differenz von fast 19.000 Euro kann bei der späteren Entnahmestrategie den Unterschied zwischen „komfortabel" und „knapp" ausmachen.
Gerade für Anleger in dieser Lebensphase ist Rebalancing kein Nice-to-have. Es ist eine Absicherung der Lebensplanung.
Die praktische Checkliste fürs Rebalancing
Hier wird's pragmatisch. Wie setzt du das tatsächlich um?
Schritt 1: Ist-Zustand ermitteln. Log dich in dein Depot bei der Sparkasse, ING, Scalable oder Trade Republic ein. Notier dir den aktuellen Euro-Wert jeder Position. Rechne die prozentuale Aufteilung aus. Die meisten Broker zeigen dir das sogar an, aber oft ohne Berücksichtigung deines Ziels.
Schritt 2: Soll-Ist-Vergleich. Vergleich die aktuelle Aufteilung mit deinem Ziel. Falls du kein explizites Ziel hast (viele Anleger haben einfach „irgendwann mal was gekauft"), ist jetzt der Moment, eines festzulegen. Eine gängige Faustregel: „100 minus Lebensalter = Aktienquote in Prozent". Für einen 35-Jährigen also 65 % Aktien, 35 % Anleihen. Grob, aber ein Startpunkt.
Schritt 3: Abweichung prüfen. Mehr als 5 Prozentpunkte Abweichung? Dann handeln. Weniger? Abwarten.
Schritt 4: Umschichtung planen. Zuerst prüfen, ob du über frische Sparraten ausgleichen kannst. Falls nicht, den nötigen Verkaufsbetrag berechnen. Achtung: Beim Verkauf fallen 26,375 % Abgeltungsteuer auf den Gewinnanteil an. Der 1.000-Euro-Sparerpauschbetrag (2.000 Euro für Verheiratete) ist hoffentlich schon eingereicht. Falls nicht: bei deinem Broker den Freistellungsauftrag prüfen, bevor du verkaufst.
Schritt 5: Ausführen. Nicht tagelang überlegen. Market Timing beim Rebalancing ist kontraproduktiv. Einfach machen.
Möglicher Mehrverlust bei 30%-Crash
2.400 €
Differenz zwischen einem 73/27-Portfolio (nach Drift) und dem ursprünglichen 70/30-Ziel bei einem 30%-Aktienmarkteinbruch.
Was sich 2026 für das Rebalancing ändert
Die EZB wird voraussichtlich 2026 die Zinsen weiter anpassen. Ob hoch oder runter, darüber streiten sich die Ökonomen. Für dein Rebalancing ist die Richtung aber zweitrangig. Entscheidend ist, dass Anleihen wieder echte Erträge liefern und damit die andere Seite der Waage wieder Gewicht hat.
Steuerlich bleibt der Rahmen 2026 für Privatanleger in Deutschland stabil: Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge, Sparerpauschbetrag, Teilfreistellung für Aktienfonds (30 %) und Mischfonds (15 %). Keine Überraschungen, kein Grund zu warten.
Ein konkreter Tipp für alle, die über Jahresende rebalancen: Realisier Verluste noch in 2025, um sie mit Gewinnen zu verrechnen. Falls du einen ETF im Minus hast (vielleicht ein Schwellenländer-Fonds oder ein Anleihen-ETF aus der Zinsanstiegsphase), kannst du ihn verkaufen, den Verlust steuerlich geltend machen, und direkt in einen ähnlichen (aber nicht identischen) ETF reinvestieren. Das spart Steuern, ohne die Portfoliostruktur zu verändern.
Was wir daraus mitnehmen
Rebalancing ist nicht sexy. Es fühlt sich sogar falsch an, weil du von den Gewinnern verkaufst und in die Langweiler umschichtest. Aber genau das ist der Punkt: Du verkaufst systematisch, was gut gelaufen ist, und kaufst, was gerade günstiger zu haben ist. Kein Bauchgefühl. Keine Prognosen. Einfach Arithmetik.
Die 5-Prozentpunkte-Schwelle, einmal im Quartal kurz reinschauen, über frische Sparraten ausgleichen, wenn möglich. Das reicht. Es muss nicht kompliziert sein. Es muss nur gemacht werden.