Rentenlücke selbst berechnen: Schritt für Schritt mit der DRV-Renteninformation
Was das Rentenpaket II mit seiner 48-%-Haltelinie für deine persönliche Rentenlücke bedeutet, lässt sich ohne Bankzugang und ohne Berater ausrechnen. Dieser Artikel zeigt dir, wie du Bruttorente, Inflationsabschlag und den 25x-Kapitalbedarf in einer einzigen Tabelle zusammenführst.
WonderFunds Team10 Min. Lesezeit
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Laut der jüngsten Rentenanpassung steigt der aktuelle Rentenwert zum 1. Juli 2026 auf 42,52 Euro. Klingt erstmal nach guten Nachrichten. Aber wenn du dir mal die Mühe machst, deine persönliche Rentenlücke tatsächlich durchzurechnen, wirst du schnell merken: Zwischen dem, was auf deiner Renteninformation steht, und dem, was du im Ruhestand wirklich brauchst, klafft bei den meisten ein fünfstelliger Betrag. Und das Beste daran: Du brauchst weder einen Finanzberater noch einen Bankzugang, um das herauszufinden. Ein Blatt Papier, deine Renteninformation und ein paar öffentlich zugängliche Zahlen reichen.
Was die 48-%-Haltelinie für dich persönlich heißt
Das Rentenpaket II ist seit dem 1. Januar 2026 in Kraft und garantiert ein Rentenniveau von mindestens 48 % bis 2031. Das Rentenniveau beschreibt, wie viel Rente eine Person bekommt, die 45 Jahre lang zum Durchschnittslohn gearbeitet hat, im Verhältnis zum aktuellen Durchschnittsverdienst. Also eine theoretische Benchmark, kein Versprechen an dich persönlich.
Für die Berechnung deiner eigenen Situation ist diese 48-%-Marke trotzdem Gold wert. Warum? Weil du damit für die nächsten fünf Jahre eine planbare Untergrenze hast. Du weißt: Die Renten werden mindestens so steigen wie die Löhne (nach Abzug von Beiträgen). Ab Juli 2032 kann die normale Anpassungsformel wieder greifen, und dann wird es unberechenbar.
Fünf Jahre Planungssicherheit klingt nach wenig. Aber fünf Jahre sind genug, um eine private Vorsorgestrategie aufzusetzen, die auch danach trägt.
Deine Renteninformation: So liest du sie richtig
Die Deutsche Rentenversicherung schickt dir ab 27 Jahren jährlich eine Renteninformation per Post. Oder du rufst sie online unter „Meine Rente" auf drv.de ab. Dieses Dokument ist dein Ausgangspunkt.
Die drei Zahlen, die zählen
Auf deiner Renteninformation findest du drei Angaben zur voraussichtlichen Rente. Die wichtigste für unsere Rechnung: die „Rente wegen Alters bei Erreichen der Regelaltersgrenze". Das ist die Bruttorente, die du bekommst, wenn du bis zum regulären Rentenalter weiterarbeitest und dabei ungefähr so viel verdienst wie bisher.
Hier liegt der erste Fallstrick. Die DRV rechnet dein aktuelles Gehalt einfach bis zur Rente hoch. Wenn du gerade Vollzeit arbeitest, aber planst, in drei Jahren auf 30 Stunden zu reduzieren, interessiert das die Prognose nicht. Gleiches gilt nach Elternzeit oder bei Selbstständigkeitsphasen. Ehrlich gesagt ist die Zahl auf dem Papier für viele Menschen zu optimistisch. Als Faustregel: Wenn du weißt, dass Teilzeitphasen kommen, kürze die Prognose um 10 bis 20 Prozent.
Rentenpunkte verstehen
Die Rentenformel ist simpel: Rente = Rentenpunkte × Zugangsfaktor × aktueller Rentenwert. Der Zugangsfaktor ist 1,0, wenn du regulär in Rente gehst. Der aktuelle Rentenwert liegt bei 42,52 Euro. Wer 2026 das Durchschnittsentgelt von 51.944 Euro brutto im Jahr verdient, sammelt genau 1,0 Rentenpunkte pro Jahr.
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Ein konkretes Beispiel: Du bist 35, verdienst 44.000 Euro brutto und hast bisher 8,5 Rentenpunkte gesammelt. Bis zur Rente mit 67 sind es noch 32 Jahre. Bei gleichbleibendem Gehalt sammelst du pro Jahr circa 0,85 Punkte (44.000 / 51.944). Das ergibt 27,2 zusätzliche Punkte, insgesamt also 35,7 Punkte. Mal 42,52 Euro Rentenwert: rund 1.518 Euro Bruttorente im Monat. Klingt okay. Aber warte, bis wir die Abzüge und die Inflation einrechnen.
Von Brutto zu Netto: Die oft vergessenen Abzüge
Deine Bruttorente ist nicht das, was auf deinem Konto landet. Als Rentnerin oder Rentner zahlst du Krankenversicherung (etwa 8 % plus Zusatzbeitrag), Pflegeversicherung (circa 3,4 % ohne Kinder, 1,7 % mit Kindern) und gegebenenfalls Einkommensteuer.
Für eine schnelle Kalkulation: Rechne mit etwa 11 bis 12 % Sozialabgaben auf die Bruttorente. Bei unseren 1.518 Euro brutto bleiben nach Sozialabgaben rund 1.336 Euro. Steuern kommen obendrauf, wobei bei diesem Betrag die Steuerlast noch überschaubar ist (der Grundfreibetrag liegt 2026 bei etwa 12.096 Euro pro Jahr). Sagen wir, es bleiben circa 1.250 Euro netto. Im Monat.
Schritt für Schritt: Deine persönliche Rentenlücke berechnen
Jetzt wird es konkret. Wir bauen das in fünf Schritten auf, und du kannst das in jeder Tabellenkalkulation nachbauen. Google Sheets, LibreOffice Calc, Excel, egal.
Schritt 1: Deinen monatlichen Bedarf im Ruhestand schätzen
Die gängige Empfehlung lautet: Plane mit 70 bis 80 Prozent deines letzten Nettoeinkommens. Manche Kosten fallen weg (Pendeln, Berufskleidung), andere steigen (Gesundheit, Freizeit).
Bei 3.000 Euro Nettoeinkommen heute und einer Zielquote von 75 %: Dein monatlicher Bedarf im Ruhestand liegt bei 2.250 Euro. In heutiger Kaufkraft.
Schritt 2: Deine Nettorente eintragen
Nimm die Bruttorente von deiner Renteninformation, zieh 11,5 % Sozialabgaben ab und schätze die Steuer. Oder nimm einfach 85 % der Bruttorente als grobe Nettorente. Bei 1.518 Euro brutto: circa 1.290 Euro netto.
Schritt 3: Inflationsabschlag einrechnen
Und hier wird es ehrlich gesagt ein bisschen deprimierend. Die Bruttorente auf deiner Renteninformation ist in zukünftigen Euro angegeben. Aber 1.290 Euro in 32 Jahren kaufen dir bei 2 % jährlicher Inflation nur noch das Äquivalent von circa 680 Euro heute. Die Kaufkraft halbiert sich quasi.
Bei 2 % jährlicher Inflation verlieren 1.000 Euro in 25 Jahren rund 40 % ihrer Kaufkraft. Aus 1.000 Euro werden real nur noch etwa 600 Euro.
Jetzt gibt es aber einen Gegeneffekt: Die Renten steigen ja auch nominal mit der Lohnanpassung. Die Frage ist, ob die Rentenanpassung die Inflation ausgleicht. Historisch betrachtet: manchmal ja, manchmal nein. Die 4,24 % Erhöhung 2026 sehen toll aus, aber wenn die Inflation bei 2,5 bis 3 % lag, bleibt real weniger übrig. Für eine konservative Planung empfehle ich: Rechne mit einem realen Rentenanstieg von 0 %. Sprich, geh davon aus, dass deine Rentenkaufkraft bis zur Rente ungefähr gleich bleibt. Ja, das ist pessimistisch. Besser pessimistisch planen und positiv überrascht werden als umgekehrt.
In unserem Beispiel: Wenn wir konservativ annehmen, dass die reale Kaufkraft der prognostizierten Rente ungefähr dem heutigen Wert entspricht, bleiben wir bei circa 1.290 Euro netto in heutiger Kaufkraft. Dein Bedarf war 2.250 Euro.
Schritt 4: Die Lücke berechnen
2.250 Euro Bedarf minus 1.290 Euro Nettorente = 960 Euro monatliche Rentenlücke.
Bei jemandem mit 3.000 Euro Netto und durchschnittlicher Erwerbsbiografie. Nicht bei Geringverdienern, nicht bei Gutverdiener. Einfach bei einem normalen Angestellten. Fast tausend Euro im Monat fehlen.
Schritt 5: Den Kapitalbedarf mit dem 25x-Multiplikator ermitteln
Die 4-%-Regel stammt aus der Trinity-Studie und besagt: Wenn du jährlich 4 % deines Portfolios entnimmst, reicht das Geld statistisch für mindestens 30 Jahre. Umgekehrt heißt das: Du brauchst das 25-fache deiner jährlichen Entnahme als Kapital.
960 Euro × 12 Monate = 11.520 Euro pro Jahr.
11.520 Euro × 25 = 288.000 Euro.
Das ist der Betrag, den du bis zum Rentenstart angespart haben solltest, um deine Lücke zu schließen. In heutiger Kaufkraft.
Tipp
Trag deine eigenen Zahlen in eine einfache Tabelle ein: Spalte A für den Schritt, Spalte B für deinen Wert. Bedarf (75 % Netto), Nettorente (85 % der DRV-Bruttoprognose), Lücke (A minus B), Jahresbedarf (Lücke × 12), Kapitalbedarf (Jahresbedarf × 25). Fertig. Keine App nötig, kein Login, keine Kontodaten.
Wie realistisch sind 288.000 Euro?
Klingt nach einer Menge Geld. Ist es auch. Aber lass uns das mal herunterbrechen.
Unser Beispielmensch ist 35 und hat noch 32 Jahre bis zur Rente. 288.000 Euro / 32 Jahre / 12 Monate = 750 Euro monatliche Sparrate. Ohne jegliche Rendite. Das schafft kaum jemand neben Miete, Kindern und Lebenshaltungskosten.
Aber mit einer durchschnittlichen Rendite von 5 % nach Inflation (historischer Durchschnitt eines breit gestreuten Aktien-ETFs) sieht die Sache anders aus. Bei 32 Jahren Anlagehorizont und 5 % realer Rendite brauchst du eine monatliche Sparrate von circa 310 Euro, um auf 288.000 Euro zu kommen. Das ist machbar. Nicht bequem, aber machbar.
Und wenn du erst mit 45 anfängst? Dann hast du nur noch 22 Jahre, und die monatliche Sparrate steigt auf circa 530 Euro. Jedes Jahr, das du wartest, kostet dich richtig Geld.
Das Altersvorsorgedepot ab 2027: Ein neues Werkzeug
Hier kommt das Altersvorsorgedepot ins Spiel. Ab dem 1. Januar 2027 wird es als Nachfolger der Riester-Rente für Neuverträge eingeführt. Der große Unterschied: Du investierst direkt in ETFs und Fonds, ohne die teuren Garantiestrukturen, die Riester so renditeschwach gemacht haben.
So funktioniert die Förderung
Die Zulagenstruktur ist gestaffelt. Für die ersten 360 Euro Eigeneinzahlung pro Jahr gibt es 50 Cent pro Euro Zulage, also bis zu 180 Euro. Für weitere Einzahlungen zwischen 360 und 1.800 Euro pro Jahr gibt es 25 Cent pro Euro, also bis zu 360 Euro. Die maximale Grundzulage beträgt damit 540 Euro pro Person und Jahr. Für Familien kommt eine Kinderzulage von 300 Euro pro Kind und Jahr obendrauf.
Rechnen wir das mal durch: Du zahlst 1.800 Euro im Jahr ein (150 Euro im Monat). Der Staat legt 540 Euro drauf. Das sind 2.340 Euro jährlich, also eine Förderquote von 30 %. Nicht schlecht.
Was das für deine Rentenlücke bedeutet
Bei 2.340 Euro jährlichem Zufluss (Eigenbeitrag plus Zulage) und 5 % Rendite nach Inflation über 32 Jahre landest du bei circa 180.000 Euro. Das deckt schon gut 60 % deines Kapitalbedarfs von 288.000 Euro. Den Rest musst du über andere Wege aufbauen, etwa über ein zusätzliches ETF-Depot ohne Förderbindung.
Kleiner Wermutstropfen: Es gibt keine Kapitalgarantie beim Altersvorsorgedepot. Du trägst das Marktrisiko selbst. Bei 30 Jahren Anlagehorizont ist das statistisch gesehen kein Problem (der MSCI World hat über jeden 15-Jahres-Zeitraum positive Renditen geliefert), aber es fühlt sich für manche trotzdem unwohl an. Verständlich.
Drei Szenarien, die sich lohnen durchzurechnen
Statt eines einzigen Rechenbeispiels hier drei Varianten, weil Lebenssituationen halt unterschiedlich sind.
Szenario 1: Berufseinsteigerin, 28, 36.000 Euro brutto, Single.
Rentenpunkte pro Jahr: 0,69. Bis 67 noch 39 Jahre = 26,9 Punkte. Bruttorente: 1.144 Euro. Nettorente: circa 970 Euro. Bedarf bei 2.000 Euro Netto (75 %): 1.500 Euro. Lücke: 530 Euro/Monat. Kapitalbedarf: 159.000 Euro. Benötigte Sparrate bei 5 % real: circa 130 Euro/Monat. Sehr gut machbar, besonders mit Altersvorsorgedepot.
Szenario 2: Vater, 42, 55.000 Euro brutto, nach Elternzeit der Partnerin alleinverdienend.
Rentenpunkte pro Jahr: 1,06. Bisherige Punkte: circa 15. Noch 25 Jahre = 26,5 weitere Punkte. Gesamt: 41,5 Punkte. Bruttorente: 1.764 Euro. Nettorente: circa 1.500 Euro. Bedarf bei 3.500 Euro Haushaltsnetto (75 %): 2.625 Euro. Lücke: 1.125 Euro/Monat (inklusive Rentenansprüche der Partnerin wird es etwas besser). Kapitalbedarf: 337.500 Euro. Sparrate bei 5 %: circa 560 Euro/Monat. Sportlich, aber mit zwei Altersvorsorgedepots (2 × 540 Euro Zulage) und ETF-Sparplan realistisch.
Szenario 3: Quereinsteigerin, 50, 42.000 Euro brutto, vorher 8 Jahre selbstständig ohne RV-Pflicht.
Nur 18 Rentenpunkte bisher. Noch 17 Jahre × 0,81 Punkte = 13,8 weitere. Gesamt: 31,8 Punkte. Bruttorente: 1.352 Euro. Nettorente: circa 1.150 Euro. Bedarf bei 2.500 Euro Netto (75 %): 1.875 Euro. Lücke: 725 Euro/Monat. Kapitalbedarf: 217.500 Euro. Sparrate bei 5 %: circa 640 Euro/Monat. Hier wird es eng, und da muss man ehrlich sein: Ohne zusätzliche Einkommensquellen oder eine Erbschaft ist das für viele Menschen in dieser Situation kaum allein über Sparraten zu schaffen.
Was nach 2031 passiert (und warum das deine Planung beeinflusst)
Die 48-%-Haltelinie endet nach der Rentenanpassung 2031. Ab Juli 2032 kann das Rentenniveau theoretisch sinken. Die Regierung wird vermutlich vorher eine Anschlusslösung beschließen, aber darauf verlassen solltest du dich nicht. In deiner Planung bedeutet das: Rechne konservativ. Wenn die Haltelinie fällt, könnte das Rentenniveau auf 44 oder 45 % sinken, und deine persönliche Lücke wird größer.
Das ist übrigens ein guter Grund, die eigene Rechnung alle zwei Jahre zu wiederholen. Neue Renteninformation kommt sowieso automatisch, und die Berechnung dauert mit einem vorbereiteten Tabellenblatt keine zehn Minuten.
Tipp
Speichere dein Tabellenblatt lokal auf deinem Rechner, nicht in einer Cloud. Deine Finanzdaten gehören dir. Und leg dir einen Kalendereintrag an: „Rentenlücke aktualisieren", einmal im Jahr, wenn die neue Renteninformation kommt.
Warum du dafür keinen Bankzugang brauchst
Die komplette Berechnung basiert auf drei Quellen: deiner Renteninformation (kommt per Post oder über drv.de), den Inflationsdaten von Destatis (frei verfügbar) und dem 25x-Multiplikator (eine Faustregel, die du im Kopf ausrechnen kannst). Kein Finanzberater muss deine Kontoauszüge sehen, keine App braucht deine Banking-Zugangsdaten, kein Algorithmus muss deine Transaktionen scannen.
Deine Finanzdaten bleiben bei dir. Die Rechnung gehört dir. Und das Ergebnis auch, egal ob es angenehm ist oder nicht.
288.000 Euro sind eine große Zahl. Aber eine große Zahl, die du kennst, ist besser als eine Lücke, die du ignorierst. Fang mit Schritt 1 an. Heute.