Riester, Rürup oder Altersvorsorgedepot? Was die Reform 2026 für dich bedeutet
Ab 2027 ersetzt das neue Altersvorsorgedepot mit ETFs die klassische Riester-Rente. Anhand konkreter Rechenbeispiele zeigen wir, wer noch schnell Riester abschließen sollte, für wen Rürup die bessere Wahl bleibt und wer vom neuen Depot profitiert, inklusive der oft übersehenen Grundsicherungs-Falle.
WonderFunds Team9 Min. Lesezeit
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Letzten März hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, das die private Altersvorsorge in Deutschland so grundlegend verändert wie seit der Einführung der Riester-Rente im Jahr 2002 nicht mehr. Ab Januar 2027 können Bürgerinnen und Bürger in ein neues Altersvorsorgedepot investieren, das auf ETFs und Fonds setzt und die klassische Riester-Rente faktisch ablöst. Die Riester-Rente, die seit Jahren bei rund 15 Millionen Verträgen stagniert, wird damit zum Auslaufmodell.
Aber was heißt das jetzt für dich? Die Antwort hängt komplett von deiner Situation ab: Einkommen, Familienstand, Selbstständigkeit, Risiko für Grundsicherung im Alter. Für manche lohnt sich 2026 sogar noch ein schneller Riester-Abschluss. Andere sollten auf Rürup setzen. Und für eine dritte Gruppe ist das neue Depot tatsächlich der beste Weg.
Wir rechnen das durch.
Warum Riester stirbt (und warum das okay ist)
Die Riester-Rente war von Anfang an ein Kompromiss. Hohe Kosten, komplizierte Zulagenbeantragung, mickrige Renditen durch die Beitragsgarantie. Die meisten Riester-Verträge haben über die letzten 20 Jahre kaum besser performt als ein Tagesgeldkonto, manche sogar schlechter. Wer 2005 einen klassischen Riester-Fondssparplan abgeschlossen hat, hat oft erlebt, dass der Anbieter in Crashphasen alles in Rentenfonds umgeschichtet hat, um die Garantie zu halten. Die Rendite? Futsch.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Kein nennenswertes Wachstum bei den Vertragszahlen seit Jahren, obwohl Millionen Menschen in Deutschland keine oder eine völlig unzureichende private Altersvorsorge haben. Die Bundesregierung selbst räumt ein, dass die bisherigen Produkte zu kompliziert, zu teuer und zu renditeschwach waren.
Das neue System soll das ändern. Ob es das wirklich tut? Kommt drauf an.
Was das Altersvorsorgedepot bringt (und was nicht)
Das Kernstück der Reform ist simpel: Du kannst ab 2027 ein spezielles Depot eröffnen, in dem du in ETFs, Fonds und Aktien investierst, und der Staat legt was drauf. Klingt erstmal wie ein normales Depot mit Steuervorteilen. Ist es im Prinzip auch, aber mit ein paar wichtigen Unterschieden.
Die Förderung konkret
Die alte Riester-Zulage (175 € Grundzulage, 300 € pro Kind) wird durch ein neues Modell ersetzt. Laut dem Gesetzentwurf der Bundesregierung beträgt die neue Zulage 50 Prozent der eingezahlten Beiträge, bis zu einem Maximum von 360 Euro pro Jahr. Sprich: Wer 720 Euro im Jahr einzahlt (60 Euro im Monat), bekommt 360 Euro vom Staat dazu.
Und es gibt eine Kinderzulage von bis zu 300 Euro pro Kind.
Grundzulage: bis zu 540 € pro Jahr (bei Einzahlung von 1.080 €) · Kinderzulage: bis zu 300 € pro Kind · Maximaler Kostendeckel: 1 % des Depotbestands pro Jahr · Typische ETF-Kosten (TER): 0,05 bis 0,25 %
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Maximale Förderung im neuen Altersvorsorgedepot:
Keine Beitragsgarantie mehr
Der vielleicht größte Unterschied: Die Beitragsgarantie fällt weg. Bei Riester musste der Anbieter garantieren, dass du am Ende mindestens deine eingezahlten Beiträge plus Zulagen zurückbekommst. Das klingt erstmal nach Sicherheit, hat aber die Rendite massiv gedrückt, weil Anbieter kaum in Aktien investieren konnten.
Ohne Garantie kann das Depot voll in einen Welt-ETF investiert werden. Bei einer historischen Durchschnittsrendite von ca. 7 % pro Jahr (vor Inflation) macht das über 30 Jahre einen enormen Unterschied. Ehrlich gesagt: Für junge Sparer mit langem Anlagehorizont ist die Beitragsgarantie ohnehin Unsinn gewesen. Aber für Menschen, die nur noch 10 Jahre bis zur Rente haben, sieht die Rechnung anders aus.
Rechenbeispiel 1: Die Angestellte mit zwei Kindern
Nehmen wir Anna, 35 Jahre alt, angestellt, Bruttoeinkommen 42.000 Euro, zwei Kinder (4 und 7 Jahre alt).
Szenario A: Riester-Neuabschluss 2026
Anna zahlt den Mindesteigenbeitrag (4 % des Vorjahresbruttos minus Zulagen). Bei 42.000 Euro Brutto wären das 1.680 Euro minus 175 Euro Grundzulage minus 600 Euro Kinderzulagen = 905 Euro Eigenbeitrag. Sie bekommt also 775 Euro Zulagen für 905 Euro Eigenleistung. Das ist eine Förderquote von über 85 %. Klingt erstmal unschlagbar.
Szenario B: Neues Altersvorsorgedepot ab 2027
Anna zahlt 1.080 Euro im Jahr ein, bekommt 540 Euro Grundzulage plus 600 Euro Kinderzulagen. Gesamtförderung: 1.140 Euro. Eigenbeitrag: 1.080 Euro. Förderquote: über 105 %. Plus: Die 2.220 Euro (Eigenbeitrag + Zulagen) liegen in einem ETF-Depot, nicht in einem teuren Versicherungsmantel.
Unser Rat für Anna: Sie sollte 2026 keinen Riester mehr abschließen, sondern auf das neue Depot warten. Die Förderung ist besser, die Kosten niedriger, die Renditeaussichten deutlich höher. Anders sieht es aus, wenn Anna bereits einen alten Riester-Vertrag hat. Den kann sie weiterlaufen lassen.
Rechenbeispiel 2: Der Gutverdiener ohne Kinder
Thomas, 45 Jahre alt, ledig, Bruttoeinkommen 85.000 Euro, keine Kinder.
Für Thomas war Riester nie besonders attraktiv. 175 Euro Grundzulage, kein Kindergeld, und die Steuerersparnis über den Sonderausgabenabzug (maximal 2.100 Euro) bringt bei seinem Steuersatz ca. 700 Euro. Abzüglich der Zulage bleiben vielleicht 525 Euro Steuervorteil. Bei den typischen Riester-Kosten von 1,5 bis 2,5 % pro Jahr wird das schnell aufgefressen.
Rürup als Alternative
Die Rürup-Rente erlaubt 2026 Einzahlungen bis zu 29.344 Euro (bei Verheirateten das Doppelte), die komplett steuerlich absetzbar sind. Bei Thomas' Grenzsteuersatz von ca. 42 % bedeutet eine Einzahlung von 10.000 Euro eine Steuerersparnis von rund 4.200 Euro. Das ist ein sofortiger Return von 42 % auf den Einzahlungsbetrag.
Und das neue Depot? Thomas bekommt maximal 540 Euro Grundzulage. Das sind Peanuts im Vergleich zur Rürup-Steuerersparnis. Für Gutverdiener ohne Kinder bleibt Rürup die bessere Wahl, auch nach der Reform.
Tipp
Falls du gut verdienst und keine Kinder hast: Prüf mal, ob du 2026 noch Rürup-Beiträge einzahlen kannst. Der Steuervorteil ist sofort spürbar. Das neue Altersvorsorgedepot ist für dich eher eine Ergänzung, nicht der Hauptbaustein.
Rechenbeispiel 3: Die Selbstständige
Hier wird es richtig spannend. Lisa, 38 Jahre alt, selbstständige Grafikdesignerin, Jahresgewinn ca. 50.000 Euro, ein Kind.
Bisher war Lisa von der Riester-Förderung komplett ausgeschlossen (es sei denn, sie hat freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt). Rürup war ihre einzige geförderte Option. Das ändert sich 2027 grundlegend: Selbstständige können erstmals das Altersvorsorgedepot nutzen und von staatlichen Zulagen profitieren.
Lisa würde bei 1.080 Euro Eigenbeitrag 540 Euro Grundzulage plus 300 Euro Kinderzulage bekommen. Dazu die Rendite eines ETF-Depots statt eines teuren Versicherungsmantels.
Aber: Lisa verdient gut genug, dass Rürup parallel Sinn ergibt. Bei 50.000 Euro Gewinn und einem Grenzsteuersatz von ca. 38 % bringt ihr jeder Rürup-Euro sofort 38 Cent Steuerersparnis. Eine Kombination aus beiden Instrumenten wäre optimal. Das neue Depot für die Zulagen, Rürup für die Steuerersparnis.
Für Selbstständige mit niedrigem Einkommen (sagen wir unter 25.000 Euro Gewinn) sieht die Sache anders aus. Hier greift die Grundsicherungs-Falle.
Die Grundsicherungs-Falle: Das übersehene Risiko
Hier kommt der Teil, der selten besprochen wird, obwohl er für Millionen Menschen relevant ist. Ehrlich gesagt, es ist ein etwas trockenes Thema. Aber es kann den Unterschied machen zwischen "Altersvorsorge hat sich gelohnt" und "Altersvorsorge war umsonst".
Das Problem
Wer im Alter so wenig Einkommen hat, dass Grundsicherung (Sozialhilfe im Alter) beantragt werden muss, bekommt sein Vermögen angerechnet. Ein normales Depot, auch das neue Altersvorsorgedepot ohne Garantie, zählt als Vermögen. Das heißt: Bevor du Grundsicherung bekommst, musst du dein Depot aufbrauchen.
Bei Riester- und Rürup-Verträgen ist das anders. Diese sind (unter bestimmten Bedingungen) von der Vermögensprüfung ausgenommen. Dein Riester-Vertrag bleibt dir also erhalten, auch wenn du Grundsicherung beziehst.
Stefan, 55 Jahre alt, arbeitet seit 20 Jahren als Teilzeitkraft in einer Bäckerei, Bruttoeinkommen 18.000 Euro. Seine gesetzliche Rente wird bei ca. 650 Euro liegen. Die Grundsicherung (Regelsatz plus Miete) liegt 2026 bei ungefähr 1.000 bis 1.200 Euro, je nach Wohnort.
Wenn Stefan 200 Euro monatlich in ein ETF-Depot einzahlt und nach 12 Jahren (mit Rendite) ca. 40.000 Euro angespart hat, wird dieses Depot bei der Grundsicherungsprüfung voll angerechnet. Er bekommt erst Grundsicherung, wenn das Depot unter den Freibetrag (ca. 10.000 Euro für Alleinstehende) gefallen ist. Seine jahrelangen Sparleistungen verpuffen.
Hätte Stefan stattdessen in einen Rürup-Vertrag eingezahlt, wäre dieses Vermögen geschützt.
Tipp
Falls dein Einkommen dauerhaft unter dem Median liegt und du dir Sorgen machst, im Alter auf Grundsicherung angewiesen zu sein: Lass dich beraten, ob ein Rürup-Vertrag oder eine freiwillige Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung für dich sinnvoller ist als das neue Altersvorsorgedepot. Die Zulagen klingen verlockend, aber der Vermögensschutz bei Grundsicherung kann mehr wert sein.
Was passiert mit bestehenden Riester-Verträgen?
Kurz und knapp: Bestehende Verträge laufen weiter. Niemand muss kündigen. Die Zulagen fließen auch weiterhin, solange du die Bedingungen erfüllst. Aber: Neuabschlüsse werden ab 2027 unattraktiver, weil die meisten Anbieter vermutlich auf das neue Depotmodell umstellen werden.
Wer einen gut laufenden Riester-Vertrag hat (ja, die gibt es, wenn auch selten), kann ihn einfach behalten. Wer einen teuren, renditeschwachen Vertrag hat, sollte prüfen, ob ein Wechsel in das neue Depot ab 2027 sinnvoll ist. Achtung: Kündigen ist fast immer die schlechteste Option, weil du Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen musst. Beitragsfrei stellen und parallel das neue Depot besparen ist oft der klügere Weg.
Der Kostendeckel: Gut gemeint, aber reicht das?
Die Regierung hat einen Kostendeckel von maximal 1 % des Depotbestands pro Jahr für das neue Standarddepot festgelegt. Klingt niedrig. Ist es im Vergleich zu alten Riester-Verträgen auch. Aber: Wer selbst ein Depot bei seiner ING DiBa oder Consorsbank führt und einen Welt-ETF mit 0,2 % TER bespart, zahlt einen Bruchteil davon.
1 % klingt harmlos, macht über 30 Jahre aber einen riesigen Unterschied. Bei 100 Euro monatlicher Einzahlung und 7 % Bruttorendite hast du nach 30 Jahren:
Bei 0,2 % Kosten: ca. 113.000 Euro
Bei 1,0 % Kosten: ca. 98.000 Euro
Das sind 15.000 Euro Unterschied. Nur durch Kosten. Der Deckel schützt vor den schlimmsten Auswüchsen (manche alten Riester-Produkte hatten effektive Kosten von 2,5 % und mehr), aber er ist kein Freifahrtschein.
Wer was tun sollte: Die Kurzversion
Statt einer symmetrischen Pro-Contra-Liste hier die ehrliche Einschätzung nach Lebenssituation:
Junge Angestellte ohne Kinder (unter 35): Warte auf das neue Depot. Die Förderung ist ordentlich, die Renditeaussichten mit ETFs über 30+ Jahre stark. Kein Riester mehr abschließen.
Familien mit Kindern und mittlerem Einkommen: Das neue Depot schlägt Riester in fast allen Szenarien. Die Kinderzulage bleibt, die Grundzulage wird besser, die Kosten sinken.
Gutverdiener (über 60.000 Euro brutto): Rürup bleibt der Steuer-Turbo. Das neue Depot ist nett als Ergänzung, aber nicht der Hauptbaustein.
Selbstständige: Endlich eine echte geförderte Option neben Rürup. Kombination aus beiden Instrumenten prüfen.
Geringverdiener mit Grundsicherungsrisiko: Vorsicht beim neuen Depot. Rürup oder freiwillige GRV-Beiträge können besser sein, weil das Vermögen bei Bedürftigkeitsprüfung geschützt bleibt.
Was wir noch nicht wissen
Die Reform ist beschlossen, aber viele Details der praktischen Umsetzung stehen noch aus. Welche Anbieter werden das Depot anbieten? Wie genau funktioniert die Auszahlungsphase? Werden die Konditionen wirklich so günstig sein, wie der Kostendeckel verspricht? Und: Wie reagiert die Versicherungsbranche, die mit Riester jahrzehntelang gut verdient hat?
Wir werden das Thema weiter begleiten, sobald die ersten konkreten Produktangebote im Herbst 2026 erwartet werden. Bis dahin gilt: Informier dich, rechne deine persönliche Situation durch, und triff keine überstürzte Entscheidung. Weder ein panischer Riester-Abschluss noch blindes Warten auf das neue Depot ist die richtige Strategie. Deine Situation bestimmt die Antwort.