Riester-Vertrag 2027: Behalten, beitragsfrei stellen oder ins Altersvorsorgedepot übertragen?
Ab Januar 2027 startet das Altersvorsorgedepot, Neuverträge gibt es dann nicht mehr. Wer jetzt seinen Riester-Vertrag kündigt, verliert im Schnitt 2.500 Euro Förderung. Diese Entscheidungsmatrix zeigt dir anhand von Restlaufzeit, Kostenstruktur und Förderstatus, welche Option für deine Situation wirklich sinnvoll ist.
WonderFunds Team9 Min. Lesezeit
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Mein Riester-Vertrag liegt seit acht Jahren bei einer großen Versicherung, und als ich neulich mal die jährliche Standmitteilung wirklich gelesen habe (ja, die meisten wandern ungeöffnet in die Schublade), war ich ehrlich überrascht: Von den eingezahlten 14.400 Euro waren nach Abzug aller Kosten gerade mal 13.800 Euro als Guthaben ausgewiesen. Und die Zulagen? Die waren da schon eingerechnet. Solche Erlebnisse machen viele der rund 15 Millionen Riester-Sparer gerade durch, und die Frage, die sich alle stellen, ist dieselbe: Bleiben, wechseln oder weg damit?
Die Antwort ist leider nicht so simpel wie "Riester ist schlecht, das Neue ist besser". Sie hängt von deiner konkreten Situation ab. Genau dafür haben wir eine Entscheidungsmatrix gebaut, die drei Faktoren kombiniert: deine Restlaufzeit bis zur Rente, die Kostenstruktur deines Vertrags und deinen Förderstatus (also wie viel Zulagen du tatsächlich bekommst). Und wir schauen uns die eine Falle an, die dich am meisten Geld kostet.
Was passiert am 1. Januar 2027?
Ab dem 1. Januar 2027 können keine neuen Riester-Verträge mehr abgeschlossen werden. Stattdessen startet das Altersvorsorgedepot, ein komplett neues Instrument für die staatlich geförderte private Altersvorsorge. Der größte Unterschied zur Riester-Rente: Es gibt keine starre Beitragsgarantie mehr. Du kannst dein Geld zu 100 % in Aktien-ETFs anlegen, wenn du möchtest.
Bestehende Riester-Verträge laufen aber weiter. Du behältst deine Zulagen, deine Steuervorteile, deinen Vertrag. Niemand zwingt dich zum Wechsel. Gleichzeitig kannst du dein Riester-Guthaben förderunschädlich ins neue Altersvorsorgedepot übertragen, ohne Zulagen oder Steuervorteile zurückzahlen zu müssen.
Das klingt erstmal entspannt. Aber "kein Zwang" heißt nicht "egal". Je nach Lebenssituation kann dich die falsche Entscheidung mehrere tausend Euro kosten.
Die teuerste Falle: Kündigung mit Rückzahlung
Bevor wir zur Matrix kommen, kurz zur größten Gefahr. Und ehrlich gesagt: Dieser Teil ist langweilig, aber er kann dir richtig viel Geld sparen.
Wenn du deinen Riester-Vertrag kündigst (also nicht überträgst, nicht beitragsfrei stellst, sondern wirklich kündigst), passiert Folgendes: Das zählt als "schädliche Verwendung". Sämtliche Zulagen und Steuervorteile, die du über die Jahre erhalten hast, musst du zurückzahlen. Bei 15 Jahren Laufzeit sind das im Schnitt rund 2.500 Euro, aufgeteilt in etwa 1.750 Euro Zulagen und 750 Euro Steuervorteile.
Durchschnittliche Förderung, die bei einer Kündigung zurückgezahlt werden muss
~2.500 €
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Und dazu kommen noch die Abschluss- und Verwaltungskosten, die dein Anbieter über die Jahre bereits einbehalten hat und die du natürlich nicht zurückbekommst. Bei manchen Verträgen liegt der Rückkaufswert deshalb sogar unter dem, was du selbst eingezahlt hast. Ohne Zulagen.
Die Kündigung ist fast immer die schlechteste Option. Punkt. Es gibt eigentlich nur eine Ausnahme: wenn du das Geld wirklich sofort brauchst, weil du in einer finanziellen Notlage bist. Und selbst dann gibt es Alternativen, die du vorher prüfen solltest.
Drei Faktoren, eine Entscheidung
Jetzt wird's konkret. Deine Entscheidung hängt von drei Dingen ab:
Faktor 1: Restlaufzeit bis zur Rente
Die Restlaufzeit ist der stärkste Hebel. Warum? Weil das Altersvorsorgedepot seinen größten Vorteil (keine Beitragsgarantie, volles Aktienmarkt-Engagement) nur bei langen Laufzeiten ausspielen kann. Bei kurzen Laufzeiten kehrt sich der Vorteil um, weil du keine Zeit hast, Kursverluste auszusitzen.
Mehr als 20 Jahre bis zur Rente (unter 45 Jahre alt): Das Altersvorsorgedepot ist hier fast immer attraktiver. Du hast genug Zeit für die Kapitalmärkte, und die niedrigeren Kosten eines ETF-Depots summieren sich über zwei Jahrzehnte enorm. Ein Kostenunterschied von 1 % pro Jahr (was bei vielen Riester-Versicherungen realistisch ist) macht bei 200 Euro monatlicher Sparrate über 25 Jahre rund 15.000 Euro aus.
10 bis 20 Jahre (45 bis 55 Jahre alt): Hier wird es knifflig. Die Restlaufzeit reicht für ein Aktien-Investment, aber die Beitragsgarantie deines Riester-Vertrags hat auch einen gewissen Wert. Entscheidend sind dann Faktor 2 und 3.
Unter 10 Jahre (über 55): Wechsel lohnt sich selten. Die Umstellungskosten (neue Depotführung, Umschichtung) und das Kursrisiko bei kurzer Laufzeit fressen den Kostenvorteil auf. Dein Riester-Vertrag hat hier durch die Beitragsgarantie sogar einen konkreten Wert: Du weißt, was du mindestens rausbekommst.
Faktor 2: Was dein Vertrag wirklich kostet
Die Effektivkosten deines Riester-Vertrags findest du in der jährlichen Standmitteilung unter dem Punkt "Effektivkosten" oder "Reduction in Yield". Wenn du diesen Wert nicht findest, ruf bei deinem Anbieter an. Kein Scherz, die müssen dir das sagen.
Hier die grobe Orientierung:
Unter 1,0 % Effektivkosten pro Jahr: Das ist ein guter Vertrag. Fairriester, einige DWS-Fondssparpläne oder gut verhandelte Banksparpläne bei der Sparkasse liegen in diesem Bereich. Behalten ist hier oft sinnvoll, besonders bei kürzerer Restlaufzeit.
1,0 bis 2,0 %: Durchschnittlicher Riester-Vertrag, typisch für klassische Versicherungen bei Allianz, Ergo oder R+V. Hier hängt die Entscheidung stark von deiner Restlaufzeit und deinem Förderstatus ab.
Über 2,0 %: Das ist teuer. Manche fondsgebundenen Riester-Policen mit aktiv gemanagten Fonds liegen hier. Bei langer Restlaufzeit frisst diese Kostenstruktur einen Großteil deiner Rendite. Ein Wechsel ins Altersvorsorgedepot mit einem günstigen ETF (Kostenquote 0,2 bis 0,4 %) kann über 20 Jahre leicht 20.000 Euro oder mehr Unterschied machen.
Familien mit mehreren kindergeldberechtigten Kindern: Pro Kind gibt es 300 Euro Kinderzulage jährlich. Bei drei Kindern sind das 900 Euro pro Jahr, zusätzlich zur Grundzulage. Solange die Kinder kindergeldberechtigt sind (in der Regel bis 25), kann sich der Riester-Vertrag allein durch die Zulagen rechnen, selbst bei hohen Kosten. Sobald die Kinder raus sind, ändert sich die Rechnung aber komplett.
Singles oder Paare ohne Kinder mit Einkommen über 40.000 Euro: Hier profitierst du vor allem vom Sonderausgabenabzug. Ob der beim Altersvorsorgedepot besser oder schlechter ausfällt, hängt von deinem individuellen Steuersatz ab. Grundsätzlich gilt: Der Sonderausgabenabzug bleibt auch im neuen System erhalten.
Geringverdiener mit Einkommen unter 25.000 Euro: Die Grundzulage von bis zu 175 Euro (Riester) macht hier prozentual den größten Unterschied. Prüfe, ob du im Altersvorsorgedepot ähnliche Zulagen erhältst, und achte darauf, dass du den Mindesteigenbeitrag von 4 % deines Vorjahresbruttos (minus Zulagen) einzahlst, damit du die volle Förderung bekommst.
Die Matrix: Deine Entscheidung auf einen Blick
Hier kommt alles zusammen. Wir haben bewusst keine perfekt symmetrische Tabelle gebaut, weil die Realität halt auch nicht symmetrisch ist.
Szenario A: Jung (unter 45), teurer Vertrag (über 1,5 %), keine oder wenige Kinder
→ Übertragung ins Altersvorsorgedepot, sobald es verfügbar ist. Der Kostenvorteil bei langer Laufzeit ist zu groß, um ihn zu ignorieren.
Szenario B: Mittleres Alter (45 bis 55), günstiger Vertrag (unter 1,0 %), Kinder noch kindergeldberechtigt
→ Riester behalten, solange die Kinderzulagen fließen. Danach neu bewerten. Den Vertrag beitragsfrei zu stellen und parallel ein Altersvorsorgedepot zu eröffnen, ist eine smarte Hybrid-Lösung.
Szenario C: Über 55, egal welcher Vertrag
→ In den allermeisten Fällen: Vertrag weiterführen. Die Beitragsgarantie schützt dich vor einem ungünstigen Ausstiegszeitpunkt, und die Restlaufzeit ist zu kurz für einen Wechsel, der sich amortisiert.
Szenario D: Jedes Alter, Vertrag wird seit Jahren nicht mehr bespart
→ Beitragsfrei stellen (falls noch nicht geschehen). Nicht kündigen. Die bisher erhaltenen Zulagen bleiben im Vertrag, und das Guthaben wird bis zur Rente weiter verwaltet. Eine spätere Übertragung ins Altersvorsorgedepot bleibt möglich.
Tipp
Bevor du irgendetwas tust: Fordere bei deinem Anbieter die aktuelle Standmitteilung mit Effektivkostenausweis an. Ohne diese Zahl triffst du deine Entscheidung im Blindflug. Die meisten Anbieter schicken sie dir innerhalb von zwei Wochen, manche haben sie auch im Online-Portal.
Übertragung: Kein Sprint, sondern ein Prozess
Wenn du dich für die Übertragung ins Altersvorsorgedepot entscheidest, gibt es ein paar praktische Dinge zu beachten.
Zweitens: Die Anbieter werden überlaufen sein. 15 Millionen Riester-Verträge im Bestand, selbst wenn nur 10 % übertragen werden wollen, sind das 1,5 Millionen Vorgänge. Plane also realistisch und erwarte Bearbeitungszeiten von mehreren Wochen.
Drittens: Das Guthaben wird förderunschädlich übertragen. Alle bisherigen Zulagen und Steuervorteile bleiben erhalten. Das unterscheidet die Übertragung fundamental von der Kündigung.
Ein Wort zu den Kosten, die niemand erwähnt
Wir reden viel über Effektivkosten und Zulagen, aber es gibt einen Posten, den die meisten Ratgeber verschweigen: die Opportunitätskosten der Beitragsgarantie. Dein Riester-Anbieter muss garantieren, dass du mindestens deine eingezahlten Beiträge plus Zulagen zurückbekommst. Das klingt nach Sicherheit. Ist es auch.
Aber diese Sicherheit kostet Rendite. Dein Anbieter kann nicht voll in Aktien investieren, weil er die Garantie bedienen muss. Stattdessen steckt er einen Großteil in Anleihen oder Sicherungsvermögen. Das Ergebnis: In den letzten zehn Jahren haben viele Riester-Fondspolicen eine Rendite von 2 bis 3 % pro Jahr erzielt. Ein simpler MSCI-World-ETF hätte im gleichen Zeitraum rund 10 % pro Jahr gebracht.
Bei 200 Euro Sparrate monatlich über 20 Jahre ist der Unterschied zwischen 2,5 % und 8 % Rendite: 61.000 Euro vs. 118.000 Euro. Das ist die wahre Kosten der Garantie, und das neue Altersvorsorgedepot schafft sie ab.
Aber (und das ist ein großes Aber): 8 % pro Jahr sind keine Garantie. Es gab Jahre, in denen der MSCI World 30 % verloren hat. Wenn du kurz vor der Rente stehst und dein Depot gerade 30 % im Minus ist, hast du ein Problem, das dir kein Riester-Vertrag je gemacht hätte.
Was wir persönlich tun würden
Wir sind keine Finanzberater, und das hier ist keine individuelle Anlageberatung. Aber wir können sagen, wie wir die Lage einschätzen.
Wer jung ist und einen teuren Riester-Vertrag hat, für den ist die Übertragung ins Altersvorsorgedepot ein ziemlich klarer Fall. Die Kombination aus niedrigeren Kosten und höherer Renditechance über 20+ Jahre ist schwer zu schlagen.
Wer älter ist, Kinder hat und einen günstigen Vertrag besitzt, der sollte in Ruhe rechnen und sich von keinem Zeitdruck treiben lassen. Die Riester-Förderung ist für diese Gruppe oft besser als ihr Ruf.
Und wer mit dem Gedanken spielt, seinen Vertrag zu kündigen, nur weil "Riester ja eh schlecht ist": Bitte nicht. Beitragsfrei stellen kostet dich nichts. Kündigen kostet dich im Schnitt 2.500 Euro. Diese Entscheidung ist keine Einbahnstraße, sie lässt sich jederzeit überdenken, solange du nicht kündigst.
Die Frist bis Ende 2026 betrifft nur den Neuabschluss von Riester-Verträgen. Für alles andere, die Übertragung, die Beitragsfreistellung, das Weiterführen, hast du deutlich mehr Zeit, als die Schlagzeilen vermuten lassen.