Sondertilgung oder ETF-Sparplan 2026: Der genaue Break-even-Punkt bei 4,2-4,8 % Hypothekenzins
Wer 2026 überschüssiges Geld hat, steht vor einer engeren Entscheidung als je zuvor: Sondertilgung oder MSCI-World-ETF? Konkrete Schwellenwert-Berechnungen zeigen, ab welchem Hypothekenzins der ETF nach Abgeltungssteuer und Vorabpauschale die Nase vorn hat, und warum eine 50/50-Hybrid-Strategie das Timing-Risiko bei der Anschlussfinanzierung 2027 deutlich reduziert.
WonderFunds Team9 Min. Lesezeit
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Letztes Jahr hat ein Freund von mir 15.000 Euro Sondertilgung auf seine Wohnung in Leipzig gezahlt. Seine Nachbarin hat den gleichen Betrag in einen MSCI-World-ETF gesteckt. Beide sind überzeugt, die bessere Entscheidung getroffen zu haben. Und das Verrückte: 2026 liegen sie so dicht beieinander wie nie zuvor.
Die Zinsschere zwischen Hypothekenzinsen von 3,5 bis 4,4 % und einem EZB-Einlagensatz von 2,25 % schafft eine Situation, in der sich die Frage "Sondertilgung oder ETF?" nicht mehr mit einem Bauchgefühl beantworten lässt. Es braucht echte Zahlen. Und genau die rechnen wir hier durch.
Wo stehen Hypothekenzinsen wirklich?
Wer sich 2021 eine Immobilie finanziert hat, kennt vielleicht noch Zinssätze um die 1 %. Das ist vorbei. Laut Bundesbank lag der durchschnittliche Effektivzins für neue Wohnungsbaukredite mit Zinsbindung über zehn Jahre im Juni 2026 bei 3,98 %. Bei kürzeren Bindungen (fünf bis zehn Jahre) waren es 3,76 %.
Je nach Bonität, Eigenkapitalquote und Bank bewegen sich individuelle Angebote zwischen 3,5 und 4,8 %. Wer bei der Sparkasse mit 60 % Beleihungsauslauf finanziert, zahlt weniger als jemand, der bei einer Direktbank 90 % finanziert. Klingt logisch, aber die Spannbreite von über einem Prozentpunkt macht in unserer Break-even-Rechnung einen riesigen Unterschied.
Die EZB und warum ihr Leitzins nur die halbe Wahrheit ist
Aber, und das wird oft übersehen: Hypothekenzinsen bewegen sich nicht eins zu eins mit dem EZB-Leitzins. Die Risikoaufschläge (Spreads) der Banken haben sich seit 2022 deutlich vergrößert. Ein sinkender Leitzins führt also nicht automatisch zu billigeren Baufinanzierungen. Das ist für alle relevant, deren Zinsbindung 2027 oder 2028 ausläuft.
Was bringt der MSCI World nach Steuern wirklich?
Die Brutto-Performance sieht auf den ersten Blick beeindruckend aus. 33 ETFs bilden den MSCI World ab, und die durchschnittliche Rendite lag 2026 bei 13,48 % in Euro. Über drei Jahre (Juni 2023 bis Juni 2026) hat der iShares Core MSCI World rund 64 % zugelegt, also knapp 18 % pro Jahr.
Klingt fantastisch. Aber jetzt kommt der Teil, den viele Rendite-Rechner im Internet unterschlagen.
Steuer-Realität für deutsche Anleger
Die Abgeltungssteuer beträgt 25 % plus Solidaritätszuschlag, macht effektiv 26,375 %. Bei Aktienfonds greift die Teilfreistellung von 30 %, sodass nur 70 % der Erträge besteuert werden. Der effektive Steuersatz sinkt damit auf rund 18,46 %.
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Und dann gibt es noch die Vorabpauschale. Seit der Basiszins 2026 bei 3,20 % liegt (wir haben das Thema in einem früheren Artikel ausführlich behandelt), zahlen Anleger mit thesaurierenden ETFs jährlich Steuern auf fiktive Erträge, auch wenn sie nichts verkauft haben. Bei einem Depotvolumen von 50.000 Euro in einem MSCI-World-ETF mit TER von 0,20 % sind das grob gerechnet rund 180 bis 220 Euro pro Jahr an Vorabpauschale. Kein Drama, aber es nagt an der Netto-Rendite.
Bei einem thesaurierenden MSCI-World-ETF mit 50.000 € Depotvolumen beträgt die jährliche Vorabpauschale 2026 etwa 180-220 €. Über zehn Jahre summiert sich das auf 1.800-2.200 € an vorgezogener Steuer, die das Endvermögen reduziert.
Die Break-even-Rechnung: Bei welchem Hypothekenzins gewinnt der ETF?
Jetzt wird es konkret. Wir nehmen an, du hast 10.000 Euro übrig und überlegst: Sondertilgung oder ETF-Sparplan?
Szenario Sondertilgung: Du tilgst 10.000 Euro auf deinen Kredit mit 4,2 % Effektivzins. Die "Rendite" ist klar: 4,2 % pro Jahr, risikofrei, steuerfrei. Kein Wenn und Aber.
Szenario ETF: Du investierst 10.000 Euro in einen MSCI-World-ETF. Angenommen, die langfristige Durchschnittsrendite liegt bei 7 % brutto (konservativer als die letzten drei Jahre, realistischer als ewige 18 %). Nach Teilfreistellung und Abgeltungssteuer bleiben davon rund 5,71 % netto. Abzüglich Vorabpauschale-Effekt landest du bei ca. 5,4 bis 5,5 % netto.
Der Schwellenwert
Die Sondertilgung schlägt den ETF, sobald dein Hypothekenzins über 5,4 bis 5,5 % liegt (bei 7 % erwarteter Brutto-ETF-Rendite). Unter diesem Schwellenwert hat der ETF die Nase vorn.
Aber. 7 % Brutto-Rendite sind eine Annahme. Und hier liegt das Problem.
Was passiert bei konservativeren Szenarien?
MSCI-World-Rendite (brutto)
Netto nach Steuer (ca.)
Break-even-Hypothekenzins
5 %
3,93 %
~3,9 %
6 %
4,67 %
~4,7 %
7 %
5,40 %
~5,4 %
8 %
6,14 %
~6,1 %
10 %
7,61 %
~7,6 %
Bei einem Hypothekenzins von 4,2 % brauchst du also mindestens 5,5 % brutto im ETF, nur um gleichzuziehen. Bei 4,8 % Hypothekenzins steigt die Hürde auf über 6,3 % brutto.
Ehrlich gesagt: Die Marge ist dünn. Und die letzten drei Ausnahmejahre sollte niemand einfach in die Zukunft fortschreiben.
Das Timing-Risiko, das fast alle unterschätzen
Stell dir folgendes Szenario vor (sorry, das wird etwas unbequem): Du hast 2017 eine Wohnung in München finanziert, 10 Jahre Zinsbindung zu 1,3 %. 2027 brauchst du eine Anschlussfinanzierung. Die Restschuld beträgt 280.000 Euro.
Bei 1,3 % waren das 3.640 Euro Zinsen im Jahr. Bei einer Anschlussfinanzierung zu 4,5 % werden daraus 12.600 Euro. Pro Jahr. Das sind 8.960 Euro mehr, also 747 Euro monatliche Mehrbelastung.
Wer 2017 eine Zinsbindung zu 1,3 % abgeschlossen hat und 2027 zu 4,5 % verlängern muss, zahlt bei 280.000 € Restschuld rund 747 € pro Monat mehr an Zinsen.
Und genau hier wird die Sondertilgung zum unterschätzten Werkzeug. Jeder Euro, den du jetzt in die Tilgung steckst, reduziert die Restschuld, auf die 2027 der neue (höhere) Zinssatz berechnet wird. Bei 10.000 Euro Sondertilgung sparst du bei 4,5 % Anschlusszins 450 Euro Zinsen im ersten Jahr. Garantiert.
Der ETF könnte in diesem Zeitraum 800 Euro Gewinn machen. Oder 1.200 Euro Verlust. Die Unsicherheit ist asymmetrisch.
Die 50/50-Hybrid-Strategie: Kein fauler Kompromiss
Viele Finanzratgeber tun so, als gäbe es nur Schwarz oder Weiß. Alles in die Tilgung oder alles in den ETF. Aber wer 2026 einen Hypothekenzins zwischen 3,5 und 4,8 % hat, fährt mit einer Mischstrategie oft besser.
Konkret: Du hast monatlich 500 Euro übrig nach allen Fixkosten und Rücklagen.
Variante A (100 % Sondertilgung): 6.000 Euro pro Jahr in die Tilgung. Bei 4,2 % Zins sparst du 252 Euro Zinsen im ersten Jahr, steigend durch den Zinseszinseffekt.
Variante B (100 % ETF): 6.000 Euro in einen MSCI-World-Sparplan. Bei 7 % brutto und nach Steuern bleiben dir nach zehn Jahren ca. 85.000 Euro (eingezahlt: 60.000 Euro, Gewinn nach Steuer: ca. 25.000 Euro).
Variante C (50/50): 3.000 Euro Sondertilgung, 3.000 Euro ETF. Du reduzierst deine Restschuld UND baust Vermögen auf. Bei der Anschlussfinanzierung 2027 stehst du besser da, und gleichzeitig profitierst du vom Aktienmarkt, falls er gut läuft.
Warum 50/50 oft die klügere Wahl ist
Die reine Tilgung maximiert deine Sicherheit, aber du verpasst die Chance auf Rendite über dem Hypothekenzins. Der reine ETF-Sparplan maximiert dein Renditepotenzial, aber du trägst das volle Timing-Risiko bei der Anschlussfinanzierung.
Die Hybrid-Strategie ist kein fauler Kompromiss. Sie ist Risikomanagement. Du diversifizierst nicht nur dein Vermögen, sondern auch deine Entscheidung.
Tipp
Prüf zuerst, wie viel Sondertilgung dein Kreditvertrag erlaubt (meistens 5 % der ursprünglichen Darlehenssumme pro Jahr). Diesen Spielraum solltest du kennen, bevor du planst. Bei einer Darlehenssumme von 300.000 Euro wären das 15.000 Euro im Jahr, die du ohne Vorfälligkeitsentschädigung tilgen darfst.
Wann du trotzdem 100 % tilgen solltest
Es gibt Fälle, in denen die Sondertilgung klar gewinnt. Keine Hybrid-Strategie, kein ETF.
Wenn deine Zinsbindung 2027 ausläuft und du eine Restschuld über 200.000 Euro hast, reduziert jeder Euro Sondertilgung dein Zinsrisiko direkt. Hier geht es nicht um Optimierung, sondern um existenzielle Absicherung.
Oder wenn dein Hypothekenzins bei 4,8 % oder höher liegt. Die Netto-Rendite des ETF müsste dann konsistent über 6,3 % liegen, um mitzuhalten. Das ist möglich, aber alles andere als sicher.
Auch wenn du schlecht schläfst, weil du Schulden hast: Dann tilg. Kein Rendite-Unterschied der Welt ist die schlaflosen Nächte wert. Finanzpsychologie ist real, und wer sie ignoriert, macht auf dem Papier alles richtig und trotzdem die falsche Entscheidung.
Wann der ETF die bessere Wahl bleibt
Die andere Seite: Wenn dein Hypothekenzins unter 2 % liegt (ja, es gibt noch Altverträge aus 2020/2021 mit langer Bindung), ist die Sondertilgung fast verschenktes Geld. Die sichere "Rendite" von 1,8 % durch Tilgung steht einer historischen Aktienmarktrendite von 7 bis 8 % brutto gegenüber. Selbst nach Steuern bleibt da ein deutlicher Vorsprung.
Auch wenn deine Zinsbindung noch 15 Jahre läuft: Du hast Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein breit gestreuter ETF über 15 Jahre den Hypothekenzins schlägt, ist historisch betrachtet hoch. Nicht sicher. Aber hoch.
Die Vorabpauschale als stiller Kostenfaktor
Wir haben das Thema der Vorabpauschale schon angerissen, aber ein Detail verdient mehr Aufmerksamkeit. Der Basiszins, der die Vorabpauschale bestimmt, wird jährlich vom Bundesfinanzministerium festgelegt und orientiert sich an langfristigen Bundesanleihenrenditen. 2026 liegt er bei 3,20 %.
Das bedeutet: Selbst wenn dein ETF im Kurs fällt, zahlst du unter Umständen Steuern auf fiktive Erträge. Klar, diese Vorabpauschale wird bei einem späteren Verkauf angerechnet, also zahlst du nicht doppelt. Aber du zahlst früher. Und Geld, das du dem Finanzamt heute überweist, kann nicht für dich arbeiten. Das ist ein Liquiditätsnachteil, den kaum ein Rendite-Vergleichsrechner berücksichtigt.
Für die Sondertilgung gibt es dieses Problem nicht. Die "Rendite" der Tilgung ist steuerfrei, sofort wirksam und garantiert.
Was wir aus der Zinsschere lernen können
Die Situation 2026 zwingt uns, ehrlicher zu rechnen als in den Niedrigzins-Jahren. Damals war die Antwort einfach: Kredit behalten, Geld investieren, Spread mitnehmen. Bei 1 % Hypothekenzins und 7 % ETF-Rendite war das fast ein No-Brainer.
Heute, bei 4,2 bis 4,8 % Hypothekenzins, schrumpft der Spread auf vielleicht 1 bis 1,5 Prozentpunkte nach Steuern. Das ist nicht nichts. Aber es ist auch kein freies Geld mehr. Es ist eine Wette, bei der du für einen relativ kleinen Vorteil ein echtes Risiko eingehst.
Wer dieses Risiko bewusst eingeht und die Anschlussfinanzierung im Blick behält, kann weiterhin vom Aktienmarkt profitieren. Wer sich aber nicht sicher ist, wie hoch die Anschlussrate ausfallen wird, sollte die Schulden reduzieren. Kein Finanzberater der Welt kann dir sagen, wo der MSCI World in drei Jahren steht. Aber dein Kreditvertrag verrät dir auf den Cent genau, was die Sondertilgung bringt.